XIII – Gezeichnete Jägerin

»… das Stigma, das oberhalb meines Nabels in meine Haut eingebrannt ist, ein schwarzes Mal. XIII. Das Stigma, das mich beschützt und allen zum Beweis dient, was ich bin. Eine Vollstreckerin der Dreizehnten Tafel. Eine Hexenjägerin.
Sie weichen vor mir zurück, als ob sie mich fürchten müssten.
Sie müssen mich fürchten.«
(Virginia Boecker: Witch Hunter, S. 17)

boeker_witch-hunterEigentlich würde ich von mir selbst sagen, dass ich kein großer Fan von Fantasy bin. Eigentlich. Denn nachdem ich beim STUBE-Fernkurs [dazu kommt zu einem späteren Zeitpunkt noch ein bisschen mehr] einiges über phantastische Kinder- und Jugendliteratur gelernt habe, kann ich mich in dieser Hinsicht genauer ausdrücken: Ich mag nicht unbedingt High Fantasy mit ihren verschiedenen Arten von Elfen – ich bin Elfen gegenüber seltsamerweise immer ein bisschen skeptisch, ohne es genauer begründen zu können und obwohl ich Sarah Maas‘ Serien Throne of Glass und A Court of Thorns and Roses abgöttisch liebe -, ich mag keine sich über viele Seiten erstreckende Kriegsschlachten. Vielleicht habe ich aber bisher auch einfach die falsche oder zu wenig Fantasy im Sinne von High Fantasy gelesen. Die phantastische Literatur umfasst aber, wie ich in obigem Kurs erfahren habe, nicht nur High Fantasy. Im Gegenteil! Momo, Die unendliche Geschichte, Eine Woche voller Samstage, Die kleine Hexe, Pippi Langstrumpf – sie alle haben phantastische Elemente, spielen teilweise in einer eigenen, sekundären Welt und werden somit zur phantastischen Literatur gezählt. Und somit muss ich also meinen Eingangssatz streichen oder umschreiben: Ich mag Phantastische Literatur. Ich mag Hexen, Vampire, Zauberer in gewissem Maße, ich mag leidenschaftlich-kaltblütige Assassininnen und starke, charmant-witzige Fae.

Witch Hunter von Virginia Boecker (erschienen 2016 bei dtv) gefiel mir von Anfang an. Die junge Frau auf dem Cover wirkt mit ihren weißblonden Haaren und ihrer hellen Haut gleichzeitig verletzlich und stark (ist natürlich so gewollt; dazu allein könnte man schon eine ganze Analyse zur Darstellung der Frau auf dem Cover durchführen), die schwarzen Vögel und die Typo haben mich dazu verleitet, hineinzulesen. Witch Hunter ist in einer mittelalterlichen Welt (etwa um 1558) angesiedelt und spielt in Anglia (mit Iberien und Gallien als Nachbarländern besteht offensichtlich ein Bezug zu vor- bzw. frühmittelalterlichen Zeiten, als die Kelten in England und Frankreich siedelten). Elizabeth Grey ist 16 und gehört zu den gefürchteten Hexenjägern des Königs und seines Inquisitors Blackwell. Gemeinsam mit ihrem Freund Caleb, der zugleich Familie und Schwarm ist, hat sie schon einige Hexen und Zauberer, Heiler und Totenbeschwörer auf den Scheiterhaufen gebracht. Doch eines Nachts entdecken Wachen ein Säckchen mit verbotenen (Hexen-)Kräutern bei ihr und Blackwell lässt sie verhaften. Caleb verspricht ihr zwar, dass er sie noch vor der Verbrennung befreien wird, doch Elizabeth erkrankt an einem Fieber, das sie noch vor ihrer Hinrichtung umzubringen droht. Zu ihrer Überraschung wird sie dann von ihrem größten Feind gerettet: Von Nicholas, einem mächtigen Zauberer, den Blackwell unbedingt töten will.

Nicholas nimmt Elizabeth bei sich auf. Der junge Heiler John pflegt sie gesund. Und schließlich erfährt sie, warum Nicholas sie braucht. Sie ist Hauptfigur in einer Prophezeihung, in der sie hilft, Nicholas von einem tödlichen Fluch zu befreien. Im Laufe dieser Mission kommen für alle Beteiligten einige überraschende Tatsachen ans Licht. Nicht immer läuft es reibungslos, oft gibt es Streit zwischen Fifer, einer jungen Hexenanwärterin, und Elizabeth, der – ja, (noch?) Hexenjägerin. Sobald der Wiedergänger Skyler auftaucht übrigens sehr zur Erheiterung des Lesers.

Es geht um Freundschaft, Verrat, Liebe, Magie. Und um die Überwindung der eigenen Ängste. Virginia Boecker verpackt einen weisen Ratschlag gruselig-charmant in den Illusionszaubern von Blackwells Prüfungen: Eingeschlossen in ein unterirdisches Grab werden die Hexenjäger-Anwerter mit ihren innersten Ängsten konfrontiert. Nur wer seine Ängste erkennt, sie beim Namen nennt und sich ihnen entgegenstellt, kann die Illusion auflösen und den Weg aus dem Grab heraus finden.

Virginia Boecker findet eine spannende, dichte Sprache, die eingängig ist und den Leser ans Buch bindet, bis auch die letzte Seite gelesen ist – ein kurzweiliges Lesevergnügen. Mit Elizabeth schafft die Autorin eine starke Protagonistin, deren Welt samt ihren Überzeugungen ins Wanken gerät. Eine Kämpferin, die sich lange nur auf sich allein verlassen konnte und selbst erst gegen Ende merkt, was es bedeutet, Rückhalt von Freunden zu haben.

Virginia Boecker: Witch Hunter, übersetzt von Alexandra Ernst, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München 2016, Hardcover, 400 S., ab 14 Jahren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.