Von der Hoffnung auf eine Zukunft

»Er hörte, wie sie lachten.
Und dann hob einer der Männer vor Salvas Augen sein Gewehr und zielte auf den Onkel.
Drei Schüsse wurden abgefeuert. Dann rannten die Männer davon.«
(Linda Sue Park: Der lange Weg zum Wasser, S. 65)

park_der-lange-weg-zum-wasserSalva ist elf, als der Krieg über seinem Dorf hereinbricht und er ohne seine Familie fliehen muss. Weil er ein Kind ist, wollen ihn die älteren Flüchtlinge nicht mitnehmen – sie glauben, er hält sie auf. Nach einiger Zeit bei einer alten Dame, nimmt ihn eine Gruppe auf, mit der er durch den südlichen Sudan Richtung Äthiopien zieht. Immer mehr Menschen schließen sich ihnen auf ihrer Flucht an. Er schließt Freundschaft mit dem gleichaltrigen Marial und findet seinen Onkel, der bald schon zum Anführer der Flüchtlingsgruppe wird. Doch Marial verschwindet eines Nachts und der Onkel wird von Männern eines verfeindeten Stammes vor seinen Augen umgebracht. Trotzdem schafft Salva es schließlich zum Flüchtlingslager in Äthiopien, in dem er mehrere Jahre verbringt, bevor er erneut vertrieben wird.

Nya gehört zum Stamm der Nuer und lebt mit ihren Eltern und Geschwistern in einem Dorf, das drei Tage Fußmarsch von einem großen See entfernt ist. Wenn die Trockenzeit beginnt und der Tümpel in der Nähe des Dorfes kein Wasser mehr führt, zieht Nyas Familie in die Nähe des Sees. Nyas Aufgabe besteht darin, Wasser zu holen. Jeden Tag. Mehrmals. Sie kann nicht zur Schule gehen. Dann kommen fremde Besucher in ihr Dorf und beginnen mit Bohrungen. Sie wollen dem Dorf einen Brunnen bauen.

Linda Sue Park erzählt von zwei Figuren, die in einem Land aufwachsen, in dem Not und Vertreibung herrschen. Sie beschreibt die Kriegszustände im Sudan, die Gewalt unter den verfeindeten Stämmen und unter den einzelnen Flüchtlingsgruppen, erzählt von Ignoranz und Ablehnung. Doch sie schreibt auch von Hoffnung und vom Glauben an eine Welt, die ungeahnte Chancen bereithält, vom Glauben an das Gute. Indem sich Salva von einem Busch zum nächsten bewegt, einen Schritt vor den anderen setzt, gelangt er in Sicherheit und erhält die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen. Durch die Begegnung mit seinem wiedergefundenen Vater, wird ihm später klar, wie er seinem Land helfen und die Menschen im Sudan unterstützen kann. Diese Hilfe – nämlich der Brunnenbau in den Dörfern des südlichen Sudans – kommt wiederum Nya und ihrer Familie zugute: Nya muss am Ende der Geschichte nicht mehr tagelange Fußmärsche zurücklegen, um Wasser für die Familie zu holen, sie kann jetzt zur Schule gehen.

Geschickt verbindet Linda Sue Park die Geschichte von Salva mit der Geschichte von Nya, schafft eine zeitliche Verbindung zwischen den historischen Ereignissen im Sudan in den 1980er Jahren bis ins Jahr 2008 und zeigt dem weißen, europäischen bzw. US-amerikanischen Leser in der heutigen Zeit vor allem eines (man könnte auch sagen, sie hält ihm den Spiegel vor): das Leben vor der Flucht aus dem eigenen Land, die Beweggründe und Unwägbarkeiten eines solchen – oft aussichtslos erscheinenden – Unterfangens. Und die Hoffnung und den Mut, die die Kraft schenken durchzuhalten, weiterzumachen und das Schicksal zu verändern.

Der lange Weg zum Wasser bezeichnet nicht nur Nyas täglichen Weg zur Wasserstelle. Der Titel umreißt gleichzeitig Salvas Odyssee über Äthiopien und Kenia in die USA, wo er ein Zuhause findet und schließlich ein Projekt ins Leben ruft, das ihn zurück in seine Heimat und zum Wasser führt. Und vielleicht steht der »lange Weg zum Wasser« auch für den langen Weg der Flucht zu neuen, hoffentlich sicheren Gewässern.

Linda Sue Park: Der lange Weg zum Wasser. Eine wahre Geschichte, übersetzt von André Mumot, bloomoon, ein Imprint der arsEdition GmbH, München 2016, Klappenbroschur, 128 S., ab 12 Jahren.

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