Liat & Chilmi: Eine unmögliche Liebe?!

»Wo ist sie denn? Zeig sie mir doch bitte, die Grenze von 1967«, fragte ich ihn gestern und ließ das Bild stillstehen, sprang vom Sofa auf und zog durch Täler und Berge eine Linie über den Bildschirm. »Ist sie hier?« Wieder besah ich mir aus der Nähe die Lage der arabischen Dörfer und der jüdischen Siedlungen, als würde ich tatsächlich erwarten, zwischen den sich herabsenkenden abendlichen Schatten und den aufflackernden Lichtern den Verlauf einer wenn auch unterbrochenen, so doch auf dem Boden markierten Grenze zu entdecken, wie man sie auf Landkarten findet.
»Sie ist hier«, hörte ich ihn hinter mir, und als ich mich zu    ihm umdrehte, sah ich, dass er sich mit dem Zeigefinger an die Stirn tippte, »sie verläuft in unseren Köpfen.«
(Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer, S. 215)

rabinyan_wir-sehen-uns-am-meerWir sehen uns am Meer ist eine Liebesgeschichte und gleichzeitig wesentlich mehr als das. Dorit Rabinyan spiegelt anhand der Beziehung zwischen Liat und Chilmi die Situation im Nahen Osten, in Israel und Palästina, wider – und dies wohl so gut, dass das israelische Erziehungsministerium den Roman von der Lektüreliste der Oberstufe gestrichen hat.

Die Tel Aviver Studentin Liat und Chilmi, Künstler aus Palästina, lernen sich im Herbst in New York kennen – und lieben. Was in ihrer Heimat vermutlich nie möglich gewesen wäre, entwickelt sich in New York zu einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte. Allerdings auch zu einer leidenschaftlich schmerzlichen. Denn die beiden kommen zwar aus derselben Region (Tel Aviv und Ramallah liegen nur etwa 60 km voneinander entfernt) und doch aus verschiedenen Welten. Während Liat sich an ihre nicht unbedingt einfache Zeit beim Militär erinnert, malt Chilmi Bilder von seiner zerstörten Heimatstadt und träumt davon, einmal den Tel Aviver Strand besuchen zu können. Die Differenz ihrer Lebensweisen und Weltanschauungen wird gerade in den Gesprächen über ihre Kindheit, aber natürlich auch über die Politik sichtbar. Die Feindbilder des jeweils anderen Landes sind in fast jedem Gespräch greifbar. Dies führt zu regelmäßigen Auseinandersetzungen, die häufig im Streit enden. Liat nimmt dann – unfreiwillig und sich damit selbst überraschend – die konservative Position ihrer Eltern ein und plädiert für eine Zwei-Staaten-Lösung, wohingegen Chilmi sich wiederholt für eine binationale Lösung ausspricht.

Das Leben und die Beziehung in New York scheinen nicht nur aus politischer Sicht wie ein Traum, sondern haben tatsächlich eine zeitliche Begrenzung: Denn Liat geht am Ende ihres Stipendiums zurück nach Israel und hält die Beziehung zu Chilmi zudem vor ihrer Familie und ihren jüdischen Freunden geheim. Es ärgert und verletzt Chilmi, dass es für Liat scheinbar kein Problem darstellt, die Beziehung zu einem bestimmten Zeitpunkt zu beenden, geschweige denn ihn vor ihrer Familie geheim zu halten.

Dorit Rabinyan versteht es, trotz dieser offensichtlich schweren Thematik von einer Liebesgeschichte zu erzählen, in die man sich als Lesende/r selbst verliebt. Liat und Chilmi sind so füreinander geschaffen, dass die Streitigkeiten einem selbst weh tun, die Ungerechtigkeiten, die sie sich gegenseitig an den Kopf werfen, schmerzen. Mit dem Ende des Romans, das nicht nur das Ende der Beziehung bedeutet, bleibt man zurück mit Emotionen aller Art – und Fragen.

Bei einer Lesung in München beantwortete Dorit Rabinyan im Gespräch mit Günter Keil ein paar dieser Fragen und erzählte eindrücklich von ihrem Arbeitsansatz und dem Skandal um ihr Buch. Beim Schreiben betrachte sie die Gesellschaft und Umgebung, in der sie lebe, wie durch eine Lupe. Sie möchte nicht bewerten, aber das Leben in all seinen subtilen Facetten auf Papier festhalten. Die Beziehung zwischen einer Israelin und einem Palästinenser sei vielleicht etwas, das der konservative Teil beider Länder nicht gern sehe, aber trotzdem existiere. Mit der Empörung um ihr Buch und der Begründung, das Buch ermutige junge Menschen beider Seiten zu intimen Beziehungen und stifte zur Vermischung der Identitäten an, hätte die Autorin nicht gerechnet. Gleichzeitig hat dieser Aufschrei aus der Politik dafür gesorgt, das Gader Haya (so der hebräische Originaltitel) binnen kurzer Zeit zum Bestseller wurde. Die Leser des Romans, berichtet Dorit Rabinyan, kontaktierten sie über diverse Wege und aus den unterschiedlichsten Situationen: Soldaten hätten das Buch auf ihren Einsätzen dabei, Familien hätten es im Luftschutzbunker gelesen, konservative Israelis hätten ihr nach der Lektüre mitgeteilt, weshalb sie die Geschichte ablehnten – die Reaktionen vermitteln den Eindruck, dass die Autorin eine Geschichte geschaffen hat, die den Menschen durchaus Mut macht, Hoffnung gibt und einen engen Bezug zu ihrer Heimat schafft.

Wie könne sie friedlich in ihrer Wohnung leben, wenn es in der Wohnung ihres Nachbarns brennt? So fasst Rabinyan ihre Haltung gegenüber der Situation im Nahen Osten zusammen. Israel sei umgeben von arabischen Staaten, Israelis hätten vieles mit ihren Nachbarn gemeinsam, sähen ihnen teils ähnlicher als den europäischen oder US-amerikanischen Juden, denen sie sich verbunden fühlen. Doch sie grenzten sich ab und hätten Angst, ihre Identität und Tradition zu verlieren, wenn sie sich den Nachbarn öffneten. Bei ihren Beobachtungen stieß die Autorin schließlich auf die Frage, ob Israel womöglich mehr Angst vor einer Öffnung, einer möglichen Vermischung, einem Identitätsverlust habe – Veränderungen, die Frieden vielleicht mit sich bringen würde –  und deshalb die Abgrenzung (im Sinne von Krieg) aufrechterhalte. Für mich als Laie in dieser Thematik ein interessanter Gedanke, der sich auch im Buch niederschlägt: Liat verteidigt plötzlich konservative Werte, obwohl sie sich in ihrer Heimat eher als liberal bezeichnen würde, sie grenzt sich ab, findet irgendwie keine Einheit, obwohl sie sich diese im Innern durchaus zu wünschen scheint. Chilmi verkörpert das Gegenteil. Vermutlich könne man sogar soweit gehen, verweist Dorit Rabinyan auf einen Kommentar ihres Lektors, zu sagen, dass Liat und Chilmi diese politischen Auffassungen in ihrer Beziehung weiterspielten: Liat könne in ihrer Liebe zu Chilmi die Idee einer Zwei-Staaten-Lösung nicht wirklich ablegen; Chilmi dagegen setze auch in der Liebe auf eine binationale Lösung.

Liat und Chilmi wachsen in ihrer zart-herben Leidenschaft ans Herz. Dorit Rabinyan besticht mit einer präzisen und feinen Sprache, die das Lesen zu einem ganz besonderen Erlebnis macht.

Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer, aus dem Hebräischen von Helene Seidler, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, gebunden mit Schutzumschlag, 384 S.

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