Frankfurter Buchmesse 2016

In den vergangenen drei Jahren durfte ich die Frankfurter Buchmesse als Verlagsmitarbeiterin kennenlernen. Dieses Jahr war ich privat im Getümmel. Und weil ich in meiner Zeit beim Verlag gelernt habe, dass Mittwoch bis Freitag die Messetage sind, an denen es der Körper einigermaßen heil durch die nicht ganz dicht bevölkerten Gänge schafft und die Nerven prinzipiell nicht gänzlich unentspannt davonkommen, war zunächst die Frage zu klären: Wie komme ich auf die Fachbesuchertage? Ich hatte echtes Glück: Durch einen Freund wurde ich darauf aufmerksam, dass der Junge Verlagsmenschen e.V. Messereporter suchte. Dank ihnen erhielt ich eine Pressekarte und habe dafür über ein paar Veranstaltungen berichtet. Die Messeberichte aller JVM-Messereporter sind hier zu finden. Im Folgenden schreibe ich über meine zweieinhalb Tage privaten Messewahn.

#1: Mi., 19. Oktober 2016

Am Mittwoch bin ich am Nachmittag auf der Buchmesse gelandet. Die Hallen waren noch recht leer, ich konnte tatsächlich entspannt umherstreunern. Da ich mir diesen Tag besonders frei gehalten habe, konnte ich endlich einmal herausfinden, ob es außer Halle 3.0 (Literatur, Sachbuch und Kinder- und Jugendmedien) noch andere Hallen gibt – und was bieten die denn dann so?

Also habe ich mir Halle 4.1 angeschaut. Hier werden von der Stiftung Buchkunst die schönsten Bücher ausgestellt. Das war schon recht interessant, was dort an unterschiedlichen Formaten, Gestaltungen und Herangehensweisen präsentiert wurde. Besonders angesprochen haben mich zwei Bücher aus der Sparte Kinder- und Jugendbuch: Lewis Carolls Alice im Wunderland – Alice hinter den Spiegeln (Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2015) wurde unter anderem prämiert für die 200 Illustrationen in Kratz und Schabetechnik und für das Konzept des Zweibücherbuchs (vollständige Begründung der Jury). Baum an Baum von Lukas Lavater (holapress, Allschwil (CH), mit 15 Illustrationen von Petra Rappo) besticht durch die elegante Aufmachung, hervorgerufen durch die ausschließlich auf der rechten Seite zu findenden Zeichnungen und den kurzen Texten auf der linken Seite. Auf mich hatte die Parabel um zwei Bäume einen sehr ruhigen und poetischen Eindruck gemacht (Begründung der Jury). Auch sonst war Halle 4.1 sehr interessant: Hier finden sich einige Publikumsverlage wie DuMont oder Suhrkamp, auch die Schweizer orell füssli sind dort zu finden. Außerdem gibt es allerhand schönes Graphisches anzusehen, von der Postkarte bis zum Notizbuch.THE ARTS+ und die Antiquariatsmesse ergänzen das Hallenangebot. Ein Stand, von dem ich vielleicht doch ein Foto hätte machen sollen, es mich aufgrund der meiner Meinung nach recht »anrüchigen« Thematik aber nicht wirklich traute, war der von GOLIATH. Relativ einsam, aber eingerahmt von zwei menschengroßen Abbildungen leicht bekleideter Damen wurden dort am Ende der Halle 4.1 wohl auch Bücher gezeigt (nach eigenen Angaben produziert der Verlag hochwertige Kunst- und Fotobildbände mit den Schwerpunkten Sex, Drugs & Rock’n’Roll).

Von Halle 4.1 führte mich der Weg über die Kalendergalerie – wirklich sehr schön anzuschauen, diese Vielfalt an unterschiedlichsten Kalendarien und zumindest an diesem Tag so etwas wie ein Ort der Ruhe – in Halle 3.1 zum FAZ-Stand. Fridtjof Küchemann hatte die Autoren Benno Köpfer und Peter Mathews zu Gast und sprach mit ihnen über ihr Jugendbuch Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten (dtv Reihe Hanser, München 2016). Zu Buch und Gespräch wird in den nächsten Wochen ein eigene Besprechung folgen, sobald ich das Buch gelesen habe.

Zwar habe ich am ersten Tag völlig versäumt, meine Eindrücke mit Fotos festzuhalten, den wichtigsten Termin habe ich aber auch am Mittwoch nicht verpasst: Pünktlich um kurz nach 17 Uhr stand ich bei dtv und stieß mit den Kollegen und Kolleginnen bei der Happy Hour auf eine erfolgreiche Messe an. Dieses Jahr wurden die Stände von dtv und dtv junior / dtv Reihe Hanser zusammengelegt, woran man sich erst ein bisschen gewöhnen muss, sofern man die getrennten Stände kannte. Da dtv nicht die einzige Happy Hour an diesem Abend bot, zogen wir weiter zum Stand von Eselsohr, der Fachzeitschrift für Kinder- und Jugendmedien. Ein erster aufregender Messetag ging hier im Kreise bekannter Gesichter angeregt bis heiter zu Ende.

#2: Do., 20. Oktober 2016

Donnerstag fing für mich nach einer unruhigen Nacht in der Jugendherberge (ich mag Jugendherbergen wirklich. Aber vielleicht doch nicht zur Messezeit) mit der Veranstaltung »Deutschland 4.0 – Wie die digitale Transformation gelingt« auf der Hot Spot Education Stage in Halle 4.2 an. Sascha Lobo sprach mit Prof. Dr. Tobias Kollmann und Dr. Holger Schmidt, den Autoren des gleichnamigen Buches. Für mich als digitale Laie, die ich mein »analoges« Handy vermisse und Digitalisierung eher kritisch betrachte, war diese Veranstaltung vielleicht nicht ganz das richtige. Es mag sein, dass Digitalisierung in allen Bereichen notwendig ist, um tatsächlich vorankommen zu können und dass man diese Transformation also auch unterstützen sollte. Aber ist es notwendig, so genannte Routinejobs der Digitalisierung zum Opfer zu bringen? Es gibt doch Menschen, denen ihr Beruf wirklich etwas gibt, die ihn mit Freude ausüben und etwas daraus gewinnen – ich möchte mir nicht vorstellen, dass solche Stellen dann gestrichen werden, wenn die digitale Revolution voranschreitet. Nun bin ich keine vehemente Gegnerin von Digitalisierung – ich weiß auch einfach zu wenig darüber -, eine gewisse Skepsis schadet allerdings sicher nicht. Meine Gedanken zu dieser Thematik sind noch nicht gänzlich ausgereift, der Artikel zur Veranstaltung allerdings schon: zu finden hier.

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Der neue Stand von Thienemann-Esslinger reicht hoch hinaus.

Vor und nach dem Gespräch zog es mich zurück auf gewohntes Terrain: In Halle 3.0 machte ich einen Abstecher beim Thienemann-Esslinger Verlag, der mit einem sehr schönen neuen Stand aufwartete. Passend zu 500 Jahren Reformation musste ich mir Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten, Martin Luther von Christian Nürnberger, Petra Gerster und illustriert von Irmela Schautz vormerken (Gabriel bei Thienemann-Esslinger, Stuttgart 2016, ab 13 Jahren). Bei Carlsen versuchte ich, der Mangaleidenschaft zu widerstehen und habe mir stattdessen die Bücher Homevideo von Karin Kaçi und Jan Braren (Carlsen, Hamburg 2016, ab 14 Jahren), Vince Vawters Wörter auf Papier (2014, ab 12 Jahren) und Ann M. Martins Die wahre Geschichte von Regen und Sturm (2015, ab 12 Jahren, beide Königskinder bei Carlsen, Hamburg) notiert. Bei Magellan fiel mir Mit anderen Worten von Tamara Ireland Stone (Bamberg 2016, ab 14 Jahren) ins Auge und dann bin ich durch die Ausstellung »LOOK! Germany in Bologna« geschlendert, in der einige meiner liebsten Illustratoren und Illustratorinnen präsentiert wurden.

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Eine Auswahl meiner Lieblings-Illustratoren.

Weiter ging’s zur Vorstellung der »White Ravens 2016« auf der Kids Stage. Die Mitarbeiter der Internationalen Jugendbibliothek in München sprachen hier eine Stunde über ihre internationalen Favoriten in der Kinder- und Jugendliteratur. The White Ravens ist die einzige Empfehlungsliste, die weltweit veröffentlicht wird, entsprechend international war auch das Publikum. Im gleichnamigen Katalog sind sechzig Länder und 42 Sprachen versammelt. Einzusehen ist diese Auswahl natürlich online, aber auch in einer Ausstellung bei der Bologna Children’s Book Fair 2017. Besonders angesprochen hat mich hier die Graphic Novel La Présidente von François Durpaire (Text) und Farid Boudjellal (Illustration), erschienen bei Les Arènes BD, Paris 2015. Die Autoren beschäftigen sich in dieser politischen Fiktion mit einem Frankreich unter der Präsidentschaft von Marine Le Pen, also einem möglichen Zukunftsszenario. Dabei haben die Autoren vorab mit Experten über die Thematik gesprochen, um eine größtmögliche Plausibilität in ihrer Erzählung zu schaffen. Es gehe dabei nicht um eine Dämonisierung des rechtspopulistischen Front National, sondern um Information und Aufklärung, so das Fazit der IJB. Der Verlag habe es sich vielmehr zum Ziel gesetzt, junge – und unentschiedene Wähler – zu gewinnen und aufzuklären. Ebenfalls angesprochen haben mich Im Jahr des Affen von Que Du Luu (Königskinder bei Carlsen, Hamburg 2016), ausgezeichnet mit dem Nachwuchspreis 2016 der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, Zam von Jesper Wung-Sung und John Kenn Mortensen (Høst & Søn, Kopenhagen 2015), Zombie-Horror-Splatter um das Thema Ausgrenzung und Xenophobie, und A muter meg a dzsinnek von Dóra Elekes und Fruzsina Kun (Csimota, Budapest 2015), eine Geschichte über Alkoholismus und eine dysfunktionale Mutter-Kind-Beziehung, ungewöhnlich auch deshalb, weil diese Thematik in Ungarn ein großes Tabu darstellt. Neben La Présidente hat es außerdem eine zweite Graphic Novel auf meine Liste geschafft: Le piano oriental von Zeina Abirached (Casterman, Brüssel 2015), die zum einen Musik graphisch übersetzt, zum anderen anhand zweier Familiengeschichten verdeutlicht, dass jeder Mensch verschiedene Identitäten in sich trägt.

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Das französische Viertel in Halle 5.1

Zum Zeitvertreib schlenderte ich anschließend zu Halle 5.1, in der sich die internationalen Verlage präsentieren. Ich kam allerdings nur bis zum Bereich der französischen Verlage, wo ich in der Schönheit der Worte versank, bevor ich mir das Gespräch mit Mithu M. Sanyal zu ihrem Buch Vergewaltigung (Edition Nautilus, Hamburg 2016) auf dem blauen Sofa angehört habe. Auch dieser Abend klang mit einer Happy Hour aus: Feucht-fröhliche Gespräche bei arsEdition und Currywurst mit fabelhaftem Balkan-Klezmer bei Thienemann-Esslinger.

 

#3: Fr., 21. Oktober 2016

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Angenehm beruhigend war es im Pavillon der Gastländer Niederlande und Flandern.

Der Messefreitag war für mich der vollste und abwechslungsreichste Tag in Frankfurt. Nach einem Abstecher im Gastland-Pavillon, einem ersten Kaffee in Halle 4.0 (hier sind die ganzen Dienstleistungen für Verlage und Buchhandel untergebracht, unter anderem Firmen für die Herstellung – irgendwie abgefahren für mich, die ich aus einem ganz anderen Bereich der Verlagsabteilungen komme, und gleichzeitig angenehm leer) und der Ernennung zur »meistgesehenen Frau« (wie auch immer ich das geschafft habe), fand ich mich gegen elf Uhr bei der Self-Publishing Area zum Tischgespräch »Schreiben und Publizieren als soziales Event« ein, in dem die Beteiber von Omnibook ihre Plattform vorstellten. In einem kurzen, direkten Gespräch erfuhr ich hier, was Micz Flor und sein Kollege an den herkömmlichen Abläufen bei der Entstehung eines Buches kritisieren und wie sie Self-Publishing-Autoren eine Möglichkeit des Austauschs bieten wollen. Der vollständige Bericht ist ebenfalls bei den Jungen Verlagsmenschen nachzulesen.

Nach der Mittagspause ging es in Halle 3.1, in der sich neben der Gourmet Gallery (es riecht dort wirklich ständig nach Essen, weil teilweise live gekocht wird, was zunächst ein bisschen befremdlich ist), dem LitCam Kulturstadion auch der Weltempfang und das Forum des Börsenvereins des deutschen Buchhandels finden. Ich schaute beim Herder Verlag vorbei und habe das Buch Emanzipation im Islam von Sineb El Masrar (Freiburg 2016) entdeckt. Ganz auf den Spuren der Reformation sprang mir bei C.H.Beck das Buch Der Protestantismus aus der Reihe C.H.Beck Wissen (München 2010) ins Auge – die Liste für die Allgemeinbildung wird länger und länger… Droemer Knaur hielt Der Garten der Abendnebel von Twan Eng Tan (München 2016, Taschenbuch), in dem es um die japanischen Kriegsverbrechen geht, und Das Ehespiel von Kate Christensen (München, Taschenbuch 2016) parat. Einige Stände weiter habe ich mir George (Fischer KJB, Frankfurt am Main 2016, ab 10 Jahren) notiert, in dem Alex Gino die Geschichte eines 10-jährigen Transgender-Jungen erzählt – ein unbedingtes Muss, das ich hoffentlich bald in meinem Regal begrüßen kann! Außerdem kamen auf die Liste: Weltenriss von S.E. Grove (Fischer FJB, Frankfurt am Main 2016) und Cache von Marlene Röder (Fischer KJB, Frankfurt am Main 2016, ab 14 Jahren).

Am frühen Nachmittag fand im Forum Börsenverein eine interessante Diskussion um das Thema »Vielfalt in Kinder- und Jugendbüchern«. Andrea Karimé (Kinderbuchautorin und Geschichtenerzählerin aus Köln), Gabriele Schink (Börsenverein des deutschen Buchhandels), Petra Albers (Verlagsleiterin Kinder- und Jugendbuch in der Beltz Verlagsgruppe) und Michaela Schmitt-Reiners (Verband binationaler Familien und Partnerschaften) sprachen hier darüber, warum es in aktuellen deutschsprachigen Kinder- und Jugendbüchern so wenig Diversität, im engeren Sinne so wenig Menschen mit Migrationshintergrund (ich mag dieses Wort nicht besonders), gibt. Meine Zusammenfassung zu diesem wirklich interessanten Thema stelle ich demnächst hier online. Danach ging es weiter zum Weltempfang, wo sich Thomas Böhm mit dem Schriftsteller und Historiker Timothy Garton Ash (Großbritannien) und Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Deutschland), Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, anregend, unterhaltsam und gleichzeitig recht philosophisch über »Kommunikation und das Internet« unterhalten haben. Im Kern ging es um das Gut der freien Meinungsäußerung und ihren möglichen Grenzen gerade im Zeitalter des Internets. Wird dieser europäische Grundwert entmachtet durch die Verrohung der Sprache und der kulturellen und politischen Hetzjagd im Netz? Meine Eindrücke des äußerst interessanten Gesprächs finden sich hier.

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Eine Auswahl meiner Lieblinge beim Deutschen Cartoonpreis 2016.

Die letzten Stunden vor meiner Abreise wurden dann noch einmal rasant: Mit einer ehemaligen Kollegin traf ich mich auf der Agora, um mir die Ausstellung zum Deutschen Cartoon-Preis anzusehen, wenn ich schon der Preisverleihung nicht beiwohnen konnte. Die eingereichten Werke zeugten von einer Tendenz zur Karikatur fundamentalistischer Glaubensrichtungen sowie von angenehm erfrischendem Sarkasmus und Witz. Das Highlight der Buchmesse war für mich in jedem Fall die Verleihung des Deutschen Jugendlitetaturpreises 2016 am Freitagabend. Wer die begehrte Momo gewonnen hat, wie das Programm gestaltet war und was sich zum 60. Geburtstag des wichtigsten deutschen Preises für Kinder- und Jugendliteratur so verändert hat, das teile ich in den nächsten Tagen hier auf meinem Blog. Für alle, die es nicht erwarten können: Auch bei den Jungen Verlagsmenschen ist der Bericht zu finden.

Fotos: Wenn nicht anders angegeben © bateaudeslivres/Dominique Schikora

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