Willkommen in Visible

»Ich hab danebengeschossen, genau wie bei der blöden Forelle.«
Etwas in ihrer Stimme brachte die Dunkelheit zum Brodeln. Plötzlich wünschte ich mir, Dianne würde nicht weitersprechen, doch da warf die Luft bereits schwarze Blasen, die zischend zerplatzten.
»Weißt du, Phil, ich hatte auf sein Herz gezielt.«
(Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt, S. 80f.)
»Nicholas«, stellt er sich vor, knapp und ohne seinen Nachnamen zu nennen. Höchstens die Hälfte der anwesenden Schüler nimmt davon Notiz. Ich mustere sein Gesicht und denke, während mein Magen mit der Geschwindigkeit eines abstürzenden Fahrstuhls in Richtung Kniekehlen schießt: Nun weiß ich endlich, wie du heißt.
(Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt, S. 90)

steinhofel_die-mitte-der-weltEines vorweg: Dieser Text ist keine objektive Besprechung. Nun lässt der Autor einer Rezension seine Meinung zum behandelten Objekt einfließen – oder sollte es zumindest -, aber eben sachlich und objektiv, um dem Leser u. a. eine Basis für seine Meinungsbildung zu geben. In diesem Fall kann ich das vermutlich nicht. Das liegt daran, dass Die Mitte der Welt in meinem Leben einen wesentlichen Teil dazu beigetragen hat, wer ich heute bin. Neben Ronja Räubertochter, Die kleine Hexe, Der kleine Wassermann in meiner Kindheit und später Kafka am Strand und Middlesex ist Andreas Steinhöfels Roman das Buch, das mich in meiner Jugend zutiefst berührt und am meisten Eindruck hinterlassen hat – und es noch tut.

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Filmausgabe

Seit 10. November läuft die gleichnamige Verfilmung von Jakob M. Erwa in den deutschen Kinos. Wenn das Lieblingsbuch verfilmt wird, ist das ja immer so eine Sache. Wird der Regisseur den Ton treffen, den ich bei der Lektüre erfahren habe? Passen die Schauspieler zu meiner Vorstellung der Figuren? Wie wird der Soundtrack komponiert sein? Ich dachte mir: Das kann nie gut gehen, dafür ist das Buch zu besonders. Als ich den Trailer für den Film gesehen habe, fühlte ich mich bestätigt: Das wird nichts. Die haben den Film zu irgendeinem neumodischen Pop-Mix zusammengeschnitten. Wo ist denn da die Unaufgeregheit, das Geheimnisvolle? Die Süddeutsche Zeitung schrieb am 13. November: »Warum zum Beispiel muss mit Zeitlupe und rot eingefärbten Bildern der Moment aufgedonnert werden, in dem Phil, der 17-jährige Held der Geschichte (Louis Hofmann) den neuen Mitschüler Nicholas (Jannik Schümann) erblickt?« Da gingen bei mir die Alarmglocken los. Trotzdem habe ich ihn mir angesehen. Ich war nervös und versuchte, meine Erwartungen in Grenzen zu halten. Und wurde positiv überrascht.

Das Kino war voll. Ich glaube, ich war noch nie in einem Film, in dem der Männeranteil so hoch war. Durch alle Altersgruppen hindurch. Das Buch, erstmals erschienen 1998, muss also durch Generationen hinweg auch Jungs angesprochen haben (erst kürzlich wurde mir die Frage gestellt, ob ich glaube, dass 15-/16-jährige Jungs dieses Buch lesen und gut finden würden)! Das freut mich irgendwie. So oft höre ich: Jungs lesen nicht oder zu wenig.

Phil ist 17 und lebt mit seiner Mutter Glass und seiner Zwillingsschwester Dianne in einer verschachtelt-geheimnisvoll-schrägen Villa namens Visible. Die kleine Familie hebt sich in allem von dem ab, was die restliche Ortsgemeinschaft für normal hält. Glass hat einen Liebhaber nach dem anderen und hält nicht viel von Anpassung. Dianne hat eine besondere Anziehung auf Tiere und ist ansonsten sehr verschlossen. Phil ist in diesem Kreis mit seiner Homosexualität und seiner Sehnsucht nach dem unbekannten Vater eigentlich einfach nur ein normaler Teenager. Dianne und Phil sind Außenseiter, die anderen Kinder haben Angst vor ihnen. Nur Kat, Phils beste Freundin, steht auf solche Extravaganz und hat sich Glass zum Vorbild genommen. Nach den Ferien bekommen die drei einen neuen Mitschüler: Nicholas. Phil ist hin und weg und bald entwickelt sich zwischen den beiden Jungs mehr. Dann überschlagen sich die Ereignisse, denn Erfahrungen und Entscheidungen aus der Vergangenheit werfen noch immer ihre Schatten auf die Gegenwart, verändern das Beziehungsverhältnis innerhalb der Familie. Phil erscheint dabei wie ein Beobachter, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Als er sich schließlich für aktive Handlung entscheidet, setzt das nicht nur eine Annäherung von Glass und Dianne in Gang, sondern stellt seine Freundschaft und Liebe zu Nicholas auf eine harte Probe.

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Phil und Nicholas © 2015 Tom Trambow / Universum Film

Was ich nicht gedacht hätte, hat der Regisseur und Drehbuchautor Jakob M. Erwa möglich gemacht: Obwohl er für den Film die 480 Buchseiten ausdünnen musste und daher vieles nicht aufnehmen konnte, vermittelt er das Wesentliche der Geschichte. Das, was mich und vermutlich andere Leser angerührt hat, wurde hervorragend in den Film übersetzt. Die Entfremdung und das Verlorensein innerhalb der Familie, die enge Freundschaft zwischen Kat und Phil, die individuelle Entwicklung der Figuren und schließlich die berauschende erste Liebe zu Nicholas. Ja, es gibt die von der Süddeutschen kritisierte Szene, aber sie passt super in den Film. Ja, die Schauspieler sind wunderbar und können auch ohne die einbrechenden Eisberge (als Nicholas Phil anspricht) und den in Goldflitter tanzenden Phil (eine Art Traumszene nach dem ersten Mal mit Nicholas) die Gefühle der Figuren bemerkenswert ausdrücken. Doch die in die Handlung eingearbeiteten Collagen tun dem Ganzen keinen Abbruch. Im Gegenteil: Es versetzt die zeitlose Geschichte in das Hier und Jetzt, gibt ihr etwas von der Leichtigkeit, die neben all der manchmal doch recht düsteren Vergangenheit auch im Buch immer wieder aufleuchtet und die diese Erzählung so besonders macht. Und sie sind ein gutes Mittel, in kurzer Zeit viel zu erzählen. Nämlich all das, wofür Phil mehrere Seiten im Buch benötigt: Die Beschreibung des Hauses, das einer Villa Kunterbunt ähnelt, die Einführung der spießigen »Jenseitigen«, also der anderen Leute im Ort, die zahlreichen Männergeschichten von Glass, die Überlegungen zu seinem unbekannten Vater. Die Art und Weise, wie Regisseur und Filmteam das Material umgesetzt haben, lässt aus dem Film so viel mehr werden als eine Coming-out-Geschichte eines Jungen – so wie das Buch mehr als eine Coming-out-Geschichte ist.

Daher ganz klar: Anschauen! Lesen!

P.S.: In diesem Film sind so viele kleine liebevolle Details eingearbeitet, die oft von der Leinwand hinaus auf das Buch und die zugehörige Geschichte verweisen. Das Autokennzeichen MDW, die Narbe an Diannes Schlüsselbein, der von Kyle geschnitzte Bogen, die schwarze Porzelanpuppe Paleiko… Es ist so schön zu sehen, wie viel Respekt und Liebe der Romanvorlage entgegengebracht wurde!

Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt, Taschenbuch, Hamburg: Carlsen Verlag 2004, 480 S., ab 13 Jahren.
Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt, Filmausgabe, Taschenbuch, Hamburg: Carlsen Verlag 2016, 480 S., ab 14 Jahren.
Hier zitierte Ausgabe: Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt, Taschenbuch, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 32001, 462 S. (vergriffen).

Die Mitte der Welt, Deutschland / Österreich 2015/2016, Spielfilm. Regie & Drehbuch: Jakob M. Erwa, Darsteller: Louis Hofmann, Sabine Timoteo, Jannik Schümann, Ada Philine Stappenbeck, Inka Friedrich, Nina Proll, Svenja Jung, Sascha Alexander Geršak. Zum Trailer.

3 Gedanken zu “Willkommen in Visible

  1. Ich hatte bisher weder vom Buch noch vom Film etwas gehört, aber durch deine Worte liest man deine Begeisterung mit, sodass ich nicht anders kann, als mir das Buch oder den Film (je nach dem was ich schneller in die Finger kriege) anzuschauen. 😉

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