Ein Mädchen wie die Wüste

»Wir zogen mit der Karawane wie abgemacht bei Morgengrauen los. Ich dachte, ich kenne die Wüste, doch als ich die Sonne in einem glasklaren Himmel über einem endlosen Streifen Gold aufgehen sah, wusste ich, dass dies noch mal etwas anderes war. Das Sandmeer war riesig und ruhelos. Die Karawanenführer behandelten es wie etwas zwischen einem wilden Tier, dessen  Wille gebrochen werden musste, und einem Tyrannen, vor dem man in die Knie gehen musste. Ich fühlte mich sofort zu Hause.«
(Alwyn Hamilton: Amani. Rebellin des Sandes, S. 147)

AMANI - Rebellin des Sandes von Alwyn HamiltonAlwyn Hamilton lässt ihren Fantasyroman zunächst eher wie einen abenteuerlichen Western beginnen. Einen Western, der mit Verweisen auf orientalische Orte und Sagen gespickt ist. Die Ich-Erzählerin Amani will sich als Junge verkleidet bei einem Schießwettbewerb eine ordentliche Summe Geld verdienen, um ihrem miserablen Leben bei der Familie ihres Onkels in der Letzten Provinz des Reiches Miraji endlich zu entkommen. Die Konkurrenz ist kaum nennenswert, einzig der gut aussehende Fremde scheint ihr ebenbürtig. Doch bevor sie den Triumph für sich verbuchen kann, geht der Wettbewerb in einem Tumult unter, ausgelöst durch Anhänger des Rebellenprinzen.

Und schon ist man mittendrin in der Geschichte einer jungen Frau, die sich nicht länger unterdrücken lassen und ihr Leben selbstbestimmt leben will. Aber nicht nur das: Die Erzählerin eröffnet eine Welt, die mit ihren Sagen um legendäre Djinn und andere Erstwesen, um Töchter reicher Kaufmänner und die Weltenzerstörerin an die Geschichten aus 1001 Nacht erinnern. Mit dem Unterschied, dass die Erstwesen – fabelhafte Wesen geschaffen aus der Natur und empfindlich gegen Eisen – seit langer Zeit schon nicht mehr gesehen wurden. Der Mensch, namentlich der Sultan von Miraji und die Armee des verbündeten Landes Galla, hat mit seinen Waffen und seiner Eisenförderung die Erstwesen vertrieben und vernichtet. Umso größer die Aufregung, als am Tag nach dem ruinierten Schießwettbewerb ein Buraqi, ein Wüstenpferd aus Sand, in Amanis Stadt gejagt wird. Es ist den Frauen vorbehalten, dieses Wesen in ein Tier aus Fleisch und Blut zu verwandeln und so ihrem Mann, ihrem Vater oder Onkel ein wertvolles Geschenk zu machen. Amani wittert ihre Chance, einen weiteren Schritt Richtung Freiheit. Als sich die Armee des Sultans einmischt, verhilft ihr der Fremde zur Flucht.

Anders als vielleicht erwartet, schließt sich Amani ihrem Fluchthelfer Jin nicht so ohne weiteres an oder hört gar auf seinen Rat. Obwohl Jin durchaus weltgewandt und einigermaßen vertrauenerweckend erscheint. So betäubt sie ihn bei der nächsten Gelegenheit und stiehlt ihm den gezähmten Buraqi, um ihre geplante Reise in die Hauptstadt Izman fortzusetzen. Die Hauptstadt kennt Amani aus den Erzählungen ihrer verstorbenen Mutter; ihre Tante soll noch dort leben. Logisch, dass der Weg dorthin nicht so einfach ist wie erhofft. Auch logisch, dass Jin eher früher als später wieder auf der Bildfläche erscheint und Amani sich mehr oder weniger freiwillig auf ihn einlässt. Hamilton findet einen schönen leichten Ton für die Geschichte um die rebellische Amani, die sich nicht nur in ihrer Augenfarbe und ihrer Aufmüpfigkeit von ihren Mitmenschen unterscheidet, und den geheimnisvollen Jin, der ihr allerhand Legenden aus den alten Zeiten näherbringt und dabei immer darauf achtet, nicht zu viel über sich selbst zu verraten. Die Dialoge zwischen Amani und Jin sind ein heiterer Spaß im Vergleich zur sonst recht brutalen Realtiät im dargestellten Wüstenstaat. Unter der Gewaltherrschaft des Sultans und des gallanischen Heeres leidet ein Großteil des Volkes unter Armut und Angst, Frauen haben keinerlei freies Entscheidungsrecht. Nachdem Ahmed, einer der Söhne des Sultans, durch die bestandene Sultansprüfung Anrecht auf den Thron hat, jedoch fliehen musste, entstand einige Monate vor Erzählungsbeginn eine Rebellenbewegung für ein »neues Morgenrot, eine neue Wüste« (S. 26). Anschaulich entwickelt die Autorin eine Welt im Umbruch, deren kulturelles Erbe durch Gewalt und Unterdrückung regelrecht ausgelöscht wird. Mit einem Vokabular, dessen Anleihen sicher im Orient zu finden sind und für das manchmal eine genauere Erklärung sinnvoll wäre, verdichtet sie den Handlungsort zu einer geschlossenen fremden Welt, in die der Leser fließend eintauchen kann.

Zunächst mag Amanis Reise ziellos oder willkürlich erscheinen, insofern dass man sich fragt, warum sollte die Protagonistin ausgerechnet nach Izman ziehen, wenn sie dort lediglich eine Tante erwartet, die sie noch nicht einmal kennt. Spätestens bei einem nächtlichen Angriff einer Schar Ghule nimmt die Geschichte an Fahrt auf und führt zu einer dramatischen Wendung im Geschehen. Denn zu diesem Zeitpunkt übertritt Amani eine Schwelle, die sie in eine andere, längst tot geglaubte Welt führt und ihr Dinge offenbart, die all dem bisher Erzählten einen tieferen Sinn geben. Der Übertritt in diese neue Welt stellt allerdings ihr Vertrauen zu Jin wie auch zu sich selbst auf die Probe. Gleichzeitig bietet ihr die Ankunft in dieser Umgebung genau das, wonach sie sich immer gesehnt hat: Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung, eine Vision für die Zukunft, die sie tatkräftig mitgestalten kann, und die Akzeptanz und Anerkennung ihrer Person.

Bei Amani. Rebellin des Sandes handelt es sich – wie so oft – um einen Reihenauftakt. Ein schöner Auftakt, der durch gute Dialoge und einen wendungsreichen Spannungsbogen besticht und dessen Bezug zur orientalischen Welt eine erfrischende Abwechslung zu all den Elfen, Vampiren, Meerjungfrauen und Werwölfen darstellt. An manchen Stellen wäre etwas mehr Tiefe wünschenswert, etwas mehr Detailverliebtheit, etwas mehr Genauigkeit. Und vielleicht auch mehr offene Fragen, um wirklich auf den Folgeband gespannt sein zu können. Eine ganz besondere Figur sei am Ende unbedingt noch erwähnt: die Wüste. Neben Amani, die sich immer wieder als »Wüstenmädchen« bezeichnet, ist die Wüste nicht nur ständig anwesend. Die gesamte Geschichte scheint darauf ausgelegt zu sein, dass Amani die Wüste eigentlich nicht verlassen kann. Jede Chance, nach Izman zu gelangen, wird vereitelt. Bis Amani ihre möglicherweise eigentliche Bestimmung entdeckt – und damit ihre ganz eigene Beziehung zur Wüste, ihre allseits anwesende Begleiterin.

Alwyn Hamilton: Amani. Rebellin des Sandes, aus dem Englischen von Ursula Höfker, Hardcover, München: cbt in der Verlagsgruppe Random House GmbH 2016, 352 S., ab 14 Jahren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.