#Klassiker: Carmilla, die Vampirin

»Und hatte sie voll Überschwang so mit mir gesprochen, dann drückte sie mich zitternd an sich, und ihre Lippen hauchten zarte Küsse auf meine Wange.
Wenn solche mysteriösen Stimmungen sie befielen, war sie mir unheimlich. Zuweilen ergriff mich eine seltsame, mein tiefstes Inneres aufwühlende Erregung, die lustvoll war und doch gemischt mit dumpfer Angst und Widerwillen.«
(Sheridan Le Fanu: Carmilla, die Vampirin, S. 38)

978-3-257-24087-0Laura lebt mit ihrem Vater, einem reichen englischen Witwer, der einst in österreichischen Diensten stand, auf einem einsam gelegenen Schloss in der Steiermark. Gesellschaft leisten ihr vor allem die Gouvernante Madame Perrodon und die Hauslehrerin Mademoiselle de Lafontaine. Ausführlich legt Laura zu Beginn der Novelle die Lage und Abgeschiedenheit des günstig erstandenen Schlosses dar, sodass der Leser schon gleich zu Anfang in die rechte Stimmung einer Schauergeschichte versetzt wird.

Im Alter von etwa sechs Jahren erlebt Laura eine Nacht des Grauens: Am Bettrand erscheint ihr eine junges hübsches Mädchen, das sich lächelnd zu ihr legt und sie in den Arm nimmt. Als sie einen stechenden Schmerz in ihrer Brust fühlt, schreckt sie auf und das Mädchen verschwindet. Der anschließend konsultierte Arzt kann keinerlei Anzeichen einer Verletzung feststellen.

Etwas mehr als zehn Jahre später erhalten Laura und ihr Vater eine Absage des befreundeten Generals Spielsdorf, der die beiden zusammen mit seiner Nichte für einige Tage besuchen kommen wollte. Jedoch, die Nichte starb vor wenigen Tagen auf mysteriöse Weise und der General will nun selbst Nachforschungen anstellen. In seinem Brief drückt er sich uneindeutig aus, sodass Vater und Tochter sich um die geistige Gesundheit des Generals sorgen. Laura, betrübt über den Tod der möglichen Gefährtin, ist dann auch umso glücklicher, als ein Kutschunfall ihnen einen neuen Gast beschert. Carmilla, scheinbar unversehrt, aber noch schwach vom Sturz, soll für drei Monate auf dem Schloss unterkommen, während ihre Mutter eine nicht aufschiebbare Reise fortsetzt. Bevor sie ihre Tochter verlässt, schwört sie den Vater darauf ein, dass Carmilla keinerlei Information zu ihrer Identität preisgeben werde.

Carmilla, eine hübsche junge Dame, die offenbar schlafwandelt und daher erst spät am Tag aufsteht, hat in ihrer Kindheit einen Traum gehabt, der Lauras nächtlicher Erscheinung in merkwürdiger Weise ähnelt. Zwischen den beiden Mädchen beginnt eine innige Freundschaft. Carmillas Anhänglichkeit, die sich schon bald in romantische Gefühle für Laura entwickelt, und ihre unerwarteten Stimmungsschwankungen irritieren Laura allerdings. Auf Nachfragen zu ihrer Geschichte hüllt sich Carmilla hartnäckig in Schweigen.

Während des Aufenthalts der geheimnisvollen jungen Frau plagen Laura erneut seltsame Träume, nach denen sie sich regelmäßig matt und erschöpft fühlt. Sie träumt von schwarzen, riesigen Katzen, die sie attackieren und in die Brust beißen und dann durch verschlossene Türen verschwinden. Gleichzeitig häufen sich in der Nachbarschaft Todesfälle junger Mädchen. Die Merkwürdigkeiten häufen sich: Carmilla hegt eine wütende Abneigung gegenüber christlichen Bräuchen, eines Nachts ist sie aus ihrem Zimmer verschwunden, obwohl die Tür von innen abgeschlossen war und die Fenster nicht geöffnet wurden. Als ein Restaurator die bearbeitete Gemäldesammlung der Familie zurückbringt, entdeckt Laura auf dem Porträt der Gräfin Mircalla Karnstein von 1698 verblüffende Ähnlichkeiten mit Carmilla. Der Gedanke eines Anagramms liegt hier nahe und scheint sich im Laufe der Erzählung zu bestätigen.

Schließlich lädt der Vater Laura zu einer Fahrt in das verlassene Dorf Karnstein ein; Carmilla solle nachkommen, sobald sie aufgestanden sei. Unterwegs begegnen sie General Spielsdorf, der von seiner Forschungsreise zurückgekehrt ist und nun seinerseits eine unheimliche Geschichte erzählt. Auf einem Ball begegneten er und seine Nichte einer jungen Frau namens Mircalla und deren Mutter. Die beiden Mädchen freundeten sich sogleich an, während die Mutter ihm verständlich machen konnte, sie seien alte Bekannte. Nur so ließ er sich darauf ein, Mircalla für einige Zeit bei sich aufzunehmen, solange die Mutter auf Reisen ging. Doch schon bald wurde seine Nichte krank, zeigte dieselben Symptome wie Laura, und so versteckte sich der General nachts im Wandschrank seiner Nichte und ertappte Mircalla – eine Vampirin! – auf frischer Tat. Der Versuch sie zu töten missglückte jedoch, sodass sie entwischen konnte. Der General stellte daraufhin Nachforschungen an, wie einem Vampir beizukommen sei. Nun, da er herausgefunden hat, dass es sich bei der Vampirin um die untote Gräfin Karnstein handelt, ist er auf dem Weg zur Gruft, um ihr den Kopf abzuschlagen und sie somit unschädlich zu machen.

Auf der Suche nach besagtem Grab, erscheint Carmilla und greift den General an. Am Tag darauf wird das Grab der Gräfin geöffnet, die Vampirin geköpft und aufgespießt. Lauras Symptome heilen und der Vater nimmt sie mit auf eine Italienreise. Das Trauma, das sie durch die grauenvoll-süße Begegnung mit Carmilla erfahren hat, hält dagegen noch lange an:

»Es dauerte sehr lange, bis ich das Grauen überwand; noch heute manchmal steigt Carmilla vor meinem geistigen Auge auf – zuweilen als das heitere, müde, schöne Mädchen; zuweilen als die fürchterliche Furie, die ich in der Kapelle sah; und oft, wenn ich aus einem Traum auffahre, ist mir, als hörte ich den leisen Schritt Carmillas vor der Zimmertür.«
(Sheridan Le Fanu: Carmilla, die Vampirin, S. 128)

Der irische Schriftsteller Sheridan Le Fanu (1814-1873), vor allem bekannt für seine Schauergeschichten, schafft mit wenigen Worten eine unheimliche Atmosphäre und verbindet die subtilen Horrorszenarien geschickt mit seinem Interesse für Phänomene des Unbewussten. Carmilla entstand 25 Jahre vor Dracula von Bram Stoker, der neben Henry James und James Joyce wesentlich von Le Fanu beeinflusst wurde.

Für mich, die ich mich besonders für die Literatur des fin de siècle und eben solche Schauergeschichten interessiere, war die Lektüre dieser Vampirnovelle (dieses Wort mag ich irgendwie sehr!) ein kurzweiliges, bisweilen sogar amüsantes Erlebnis. Auch wenn die vielleicht bekannteren Vampirbücher erst später geschrieben und veröffentlicht wurden, so finden sich bei Le Fanu bereits wesentliche Anlagen des Vampirs. Oft werden gerade Frauenfiguren, die exotisch bzw. von der Norm abweichend geschaffen wurden – meist gekennzeichnet durch einen ausgeprägten Sexualtrieb oder extrovertiertes, nicht genügsames Verhalten – am Ende ihrer Geschichte mit dem Tod bestraft. Der Vampir als Untoter, also als Grenzgänger zwischen Leben und Tod, der sich von Blut ernähren muss, ist als solcher schon ein Tabubruch. Eine Vampirin, später gerne stilisiert zum sexy Vamp, überschreitet ebenso Grenzen. Carmillas Stimmungsschwankungen und ihre romantischen Gefühle für Frauen sind für damalige Verhältnisse eine Abnormalität und müssen daher mit dem Tod bestraft werden. Nur, wenn der Grenzübertritt – insbesondere der Frau – entsprechend bestraft wird, kann nämlich die gewohnte Ordnung wiederhergestellt werden.

Zu guter Letzt eine Frage, die mich am Ende der Novelle doch beschäftigt: Wo ist eigentlich die Mutter von Mircalla/Carmilla abgeblieben? Oder war sie gar so etwas wie eine Illusion?

Sheridan Le Fanu: Carmilla, die Vampirin, aus dem Englischen von Helmut Degner, Diogenes Verlag, Zürich 2011, Taschenbuch, 128 S.

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