Euphorie der Leidenschaften

»Nell und Fen hatten meine Selbstmordgedanken vertrieben. Aber was hatten sie mir stattdessen gelassen? Brennende Wünsche, eine Flut des Verlangens, die ich in keine Bahn lenken konnte, ein Sichverzehren, ohne zu wissen, wonach. Ich verzehrte mich. Punkt. Es war das Gegenteil von Sterbenwollen. Aber kaum weniger unerträglich.«
(Lily King: Euphoria, S. 89f.)

king_euphoriaEuphoria. Ein leidentschaftlicher, ein intensiver Roman. Das Buch steht schon etwas länger als ein Jahr in meinem Regal. Jetzt habe ich es zu Weihnachten auf die Heimreise mitgenommen und konnte mich schon nach den ersten Seiten kaum davon lösen. Lily King schreibt in einer Sprache, die sofort Besitz ergreift, den Leser durchdringt. Sie taucht so tief in das Leben ihrer Figuren ein, dass dem Lesenden nichts anderes übrig bleibt als bedingungslos zu folgen.

Euphoria handelt von drei jungen Anthropologen Anfang der 1930er Jahre in Neuguinea: Nell Stone, bereits anerkannt und erfolgreich, ihr Mann Schuyler Fenwick und der Brite Andrew Bankson, jüngster Sohn einer Familie von Zoologen. Bei Weihnachtsfeierlichkeiten treffen die drei mehr oder weniger zufällig aufeinander. Während Nell und Fen ihre Forschungen bei den Anapa begannen, um schließlich bei dem kriegerischen Stamm der Mumbanyo zu landen, den sie auf Nells Drängen nun Richtung Australien verlassen wollen, hat Bankson gerade einen Suizidversuch hinter sich und stürzt sich in seiner Verzweiflung und Einsamkeit auf die beiden. Er überredet sie, zunächst zu den Kiona mitzukommen, die er seit einiger Zeit erforscht, und hilft ihnen dann, in der Hoffnung seine Einsamkeit zu überwinden und inspiriert durch ihre Gespräche, einen eigenen Stamm in der Nähe zu finden.

Nell und Fen kommen bei den Tam unter, die sie im Vergleich zu den anderen Stämmen recht freundlich aufnehmen, offen und neugierig sind. Hier gehen die Frauen fischen, während die Männer töpfern und tratschen. Nell stellt anhand des umgekehrten traditionellen Rollenbilds die These auf, dass solche Strukturen je nach Gesellschaft künstlich erschaffen werden (Stichwort gender, von dem man damals freilich noch nicht sprach). Sie geht voll in ihrer Arbeit auf, erholt sich von ihren tropischen Krankheiten. Fen dagegen trägt kaum zur Recherche bei, lebt lieber direkt unter den Männern und widerspricht allen Thesen seiner Frau. Sein Neid auf Nell und sein aggressives Verhalten blicken bereits zu Beginn durch und ziehen sich wie ein roter Faden beunruhigend durch die Geschichte.

Bankson wiederum ist durch die Begegnung mit Nell und Fen so motiviert, dass er in seiner Feldarbeit große Fortschritte macht. In unregelmäßigen Abständen besucht er das Ehepaar bei den Tam und es kommt zu geradezu berauschenden Diskussionen, die alle Beteiligten voran bringen. Gleichzeitig entwickelt der zu Anfang zurückhaltende Brite Gefühle für Nell, während Fen ihm gegenüber sein eigentliches Ziel dieses Abenteuers offenbart, das für alle tragisch enden wird.

Lily King, inspiriert durch die reale Forschungsreise der Anthropologen Margaret Mead, Reo Fortune und Gregory Bateson, entfaltet ihre eigene dramatische, aber unaufgeregt erzählte Dreiecksgeschichte. Dabei porträtiert sie nicht nur die leidenschaftliche Anziehung zwischen Nell und Bankson, sondern auch die Passion für die anthropologische Feldarbeit. Es ist ein unfassbares Vergnügen, den Diskussionen der drei beizuwohnen, während auf jeder Seite das Knistern zwischen Nell und Bankson zu spüren ist und Fens fast schon widerliches Verhalten dem Ganzen einen unheilvollen Beigeschmack verleiht. Sehr gelungen auch die Perspektivwahl der Autorin: Der Roman wechselt zwischen dem auktorialen Erzähler, der vor allem Nell und Fen begleitet, dem Ich-Erzähler Bankson, dessen Geschichte wir eigentlich lesen, und den Tagebucheinträgen von Nell, die Bankson etwa fünf Jahre nach ihrer schicksalhaften Begegnung erhält.

Es gibt nur wenige Bücher, die einen noch Tage nach Beenden der Lektüre begleiten, indem man die Geschichte der Figuren wieder und wieder durchlebt und sich wünscht, die ein oder andere Wendung hätte eine andere Richtung eingeschlagen, immer in dem Wissen, dass es dann natürlich nicht eben genau dieses tolle Buch gewesen wäre. Euphoria gehört unbedingt dazu.

Lily King: Euphoria, aus dem Englischen von Sabine Roth, Hardcover, Verlag C.H.Beck, München 2015, 262 S.

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