Sei, wer du bist!

»Das Wort »Mann« traf George, als wäre ihr ein Felsbrocken auf den Schädel gefallen. Es war hundertmal schlimmer als »Junge«. Sie bekam keine Luft mehr. Heftig biss sie sich auf die Lippe und fühlte, wie ihr erneut die Tränen in die Augen stiegen. Sie legte den Kopf auf den Schreibtisch und wünschte sich, sie wäre unsichtbar.«
(Alex Gino: George, S. 24)

gino_georgeGeorge ist zehn Jahre alt und hat viele Geheimnisse. Zum Beispiel die Jeanstasche im Wandschrank mit den Mädchenzeitschriften. Oder die Abneigung gegenüber der immer stinkenden Jungs-Toilette in der Schule. Georges größtes Geheimnis ist jedoch, dass »er« eigentlich ein Mädchen ist.

Da niemand sonst weiß, dass George ein Mädchen ist, und sie bisher noch mit niemand darüber sprechen konnte, gestaltet sich ihr Alltag nicht leicht. In der Schule wird sie von Jeff und Rick gehänselt und verhöhnt. Ihr älterer Bruder Scott macht sich über sie lustig und gibt sein machohaftes Verhalten zum Besten. Ihre Mutter entdeckt eines Tages die Mädchenzeitschriften und nimmt sie ihr weg. Gut, dass George auf ihre beste Freundin Kelly zählen kann. Kelly findet es gut, dass George nicht so ist wie die anderen Jungs und unterstützt sie in ihrem Wunsch, im anstehenden Theaterstück die Spinne Charlotte spielen zu wollen.

Nachdem die Klassenlehrerin jedoch ganz und gar nicht von dieser Idee begeistert ist und Kelly die Rolle der Charlotte übernehmen soll, ist George zutiefst betrübt. Auf Kellys Drängen reagiert George dann schließlich mit der Flucht nach vorn: Sie erzählt Kelly, dass sie glaubt, ein Mädchen zu sein. Kelly, zunächst perplex, zeigt, dass sie es mehr als verdient hat, den Titel beste Freundin zu tragen – sie steht weiterhin hinter George, die gerne Melissa heißen würde, und heckt mit ihr einen Plan aus, wie sie beide die Spinne Charlotte spielen können.

Georges Mutter schiebt das Bekenntnis ihres Kindes zunächst zur Seite, möchte davon nichts wissen, ist überfordert und glaubt, George sei schwul (sie ist übrigens nicht die einzige!). Erst nach der geglückten Schulaufführung nähert sie sich dem Gedanken, dass ihr Sohn eigentlich ein Mädchen ist, und überlegt sich die nächsten Schritte. Erstaunlich aufgeschlossen und verständnisvoll ist Scott: »… Nimm’s mir nicht übel, aber als Junge bist du nicht besonders gut«, ist seine trockene Antwort auf Georges Geständnis (S. 151).

Während die Mutter einen Schritt nach dem anderen gehen möchte, stürzt sich George dank Kelly in ein ganz besonderes und lang ersehntes Abenteuer: Zusammen mit Kellys Onkel gehen sie nach New York in den Zoo, wo sie keiner kennt – als beste Freundinnen! Als George Kellys Röcke anprobiert, fühlt sie sich das erste Mal wohl in ihrer Haut. Sie dreht sich vor dem Spiegel im Kreis und als sie zum Stehen kommt, ist sie Melissa.

Bücher wie dieses von Alex Gino gibt es viel zu selten. Der Autor schreibt nicht in der Ich-Perspektive, sondern als auktorialier Erzähler und ist somit der Erste, der George als Mädchen anerkennt – und benennt -, denn er verwendet nie die männlichen Pronomen. Er macht dem Lesenden von Anfang an klar, dass George nur ein Mädchen sein kann. George ist eine bewegende und tiefgründige Geschichte voller Liebe und Hoffnung. Es geht um Anderssein und Zugehörigkeit und vor allem darum, zu sich zu stehen. Das Buch macht Mut (auch mit der Widmung »Für dich, als du das Gefühl hattest, nicht dazuzugehören.«) und hat Potenzial, nicht nur Augen, sondern auch Herzen zu öffnen.

Alex Gino: George, aus dem Amerikanischen von Alexandra Ernst, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, Hardcover, 208 S., ab 10 Jahren.

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