Ohne Glitzer

»Er nannte es ein ›Missverständnis des Universums‹, dass er in Deutschland geboren worden war, als Mehmet. Weil da gar kein Platz war für ihn. Weil alle Stühle besetzt und alle Lücken ausgefüllt waren. Keine Jobs, keine Kohle, nur unerträgliches Gelaber bei irgendwelchen Behörden.«
(Fatma Aydemir: Ellbogen, S. 113)
»Elma und ich sagen kein Wort und vermeiden es, einander anzuschauen. Aber wir fühlen es, wir fühlen dasselbe. Es ist so da und es ist so heftig, dass man es fast anfassen kann. Wut. Meine ist so groß, dass sie nicht in mich hineinpasst. Sie droht meine Haut zu sprengen, mich von innen aufzuessen und wieder auszuspucken und wieder aufzuessen.«
(Fatma Aydemir: Ellbogen, S. 114)

Aydemir_25441_MR1.inddHazal ist 17 und will mehr vom Leben. Sie hat keinen Bock mehr, ständig auf das Gute zu warten. Sie hat es satt, ein »Opfer« zu sein. Hazal ist Tochter türkischer Einwanderer und lebt mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder im Wedding. Zusammen mit ihren Freundinnen Elma, Gül und Ebru (die sie im Scherz »Nutten« oder »Fotzen« nennt) fühlt sie sich von der Gesellschaft abgehängt. Sie schreibt zig Bewerbungen und erhält doch keinen Job, sie kifft und chattet mit dem in die Türkei abgeschobenen Mehmet, in den sie sich verliebt, und sie hat Angst davor, von ihren Eltern beim Lügen erwischt zu werden. Sie will raus aus dem engen Käfig, den ihre Familie ihr vorgibt, will auch ein Stück vom Kuchen, das sich Leben nennt.

Neben der Angst empfindet Hazal vor allem Wut. Darauf, dass sie allein durch ihren Migrationshintergrund jegliche Chance vertan hat. Darauf, dass ihre Eltern so streng zu ihr und selbst nicht glücklich sind. Darauf, dass ihr kleiner Bruder einen ihrer Kumpels beklaut und sie ihn nicht zurechtweisen kann ohne selbst aufzufliegen. Darauf, dass sie Angst hat. Diese Wut bricht sich schließlich an ihrem 18. Geburtstag Bahn, als der Türsteher des Clubs sie, Elma und Gül abweist: Die drei überschreiten eine Grenze, sie begehen ein Verbrechen.

Diese Überschreitung ist für Hazal ein Wendepunkt. Sie packt ihre Sachen und geht nach Istanbul, zu Mehmet. Vielleicht schafft sie es ja dort, sich ein Leben aufzubauen und ihren Platz zu finden. Doch auch in der Türkei fällt ihr der Anschluss nicht leicht.

Fatma Aydemir, 1986 in Karlsruhe geboren und Redakteurin bei der taz, erzählt Hazals Geschichte ohne Glitzer und Blümchen, sondern in derbem Ton, der zunächst vielleicht irritiert. Es ist ein harter, krasser Roman über Spaß, Träume und Verzweiflung. Und über Gewalt. Eben keine Migrationsgeschichte mit Happy End und genau deshalb so echt und lesenswert.

Fatma Aydemir: Ellbogen, Hanser Verlag, München 2017, Hardcover, 272 S.

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