Punkt für Punkt erklärt

»Hallo, ich bin ein Punkt!
Ich bin nicht allein, ich habe Freunde. Nicht allen Punkten geht es so gut wie uns.
Ob wir das ändern können?«
(Macrì/Zanotti: Punkte, U4)

Macrì_Zanotti_PunkteWie erklärt man Flucht, Fluchtursachen und den Umgang mit ihnen so, dass selbst die Kleinsten in unserer Gesellschaft die Thematik verstehen? Wo Experten zu komplexen Erklärungen ausholen, versucht sich das Autorenpaar Giancarlo Macrì und Carolina Zanotti aus Italien. Punkte ist ein Bilderbuch, das wirklich für jeden mit einfachen Mitteln erklärt, was sich aktuell in unserer Gesellschaft tut – und wir wir damit umgehen können.

Doch von vorn: Alles beginnt mit einem Punkt. Er begrüßt die Lesenden, die ihn zunächst noch nicht sehen. Erst auf der nächsten Seite macht er uns darauf aufmerksam, dass er sich in der unteren rechten Ecke der rechten Seite befindet. Es ist ein schwarz ausgefüllter Punkt. Und er ist nicht allein. Er hat viele Freunde, die auch Freunde haben, die wiederum Freunde haben usw. Sie leben in Häusern, haben reichlich zu Essen und können sich an jedem Tag erfreuen. Dann kommt ein weiterer Punkt hinzu. Er befindet sich auf der linken Seite in der oberen linken Ecke. Es ist ein weißer Punkt mit einer schwarzen Kontur. Auch er ist nicht allein. Im Gegensatz zu den schwarzen Punkten auf der rechten Seite geht es ihnen allerdings schlecht: Sie haben keine Häuser, leiden Hunger und haben wenig Freude in ihrem Leben. Da kommen sie auf die Idee, auf die rechte Seite zu wandern.

»Dürfen wir auf eure Seite?«, fragen sie. Mit dieser Frage lösen sie einen Konflikt aus. Natürlich sehen die schwarzen Punkte das Leid der anderen, aber möchten sie ihren Wohlstand teilen? Sie müssen sich zuerst in einem Parlament aus Punkten beraten und lassen dann nur ein paar zu sich herüber. Klar, dass das nicht gutgehen kann. Bald tummeln sich auf der rechten Seite so viele schwarze und weiße Punkte, dass kaum mehr Platz ist. Und hier bringen die Autoren eine wunderbare Idee ein, nämlich die der Solidarität. Die schwarzen Punkte beschließen, zu den weißen Punkten auf die linke Seite zu wandern, um Hilfe vor Ort anzubieten, gemeinsam die Lebensqualität zu verbessern. Ohne Krieg. Ohne Drohungen. Am Ende sind auf beiden Seiten schwarze und weiße Punkte zu finden, die in Frieden miteinander leben und sich gegenseitig unterstützen.

Dieses Bilderbuch ist nicht nur etwas für kleine Leser, auch ältere sollten sich diese schöne Geschichte gönnen. Das Bildkonzept, das ausschließlich aus unterschiedlich verdichdeten Punktansammlungen (ähnlich den Schwarmbildungen) und prägnanten, kurzen Sätzen besteht, besticht gerade durch diese Schlichtheit. Mit besonderer Leichtigkeit erzählen Macrì und Zanotti eine Geschichte von Flucht und Migration, von Arm und Reich, von Solidarität, Engagement und Integration. Mit überraschend einfachen Mitteln erklären sie, warum Menschen ihr Glück bei uns suchen und wie wir alle dazu beitragen können, aus einer heiklen Lage etwas Besseres zu machen.

Giancarlo Macrì und Carolina Zanotti: Punkte. Aus dem Italienischen von Salah Naoura, Gabriel in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart 2017, Hardcover, 48 S., ab 4 Jahren.

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