»Orte der Utopie« – Monte Verità

Monte Verità. Ein Hügel im Tessin, am Lago Maggiore, Ascona zugehörig. Wenn ich diesen Namen höre, muss ich unweigerlich an Fanny zu Reventlow denken, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Ascona lebte und u.a. durch Erich Mühsam mit der dort gegründeten Kooperative in Kontakt kam.

ELMV_F12_2017Monte Verità, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Sehnsuchtsort für Freiheitsdenkende, Künstler, Schriftsteller, aber auch für politische Aktivisten, Flüchtlinge und Pazifisten, nach den 1940er Jahren nahezu vergessen. Der Monte Verità war weder Landkommune noch reine Künstlerkolonie. Die Gemeinschaft lebte davon, dass es eben keine Leitung, keine Organisation gab, sondern vielmehr davon, dass sich in der Umgebung Anhänger und Gesinnungsverwandte niederließen. Um die Gründer sammelten sich Gäste wie der Maler Richard Seewald, der Bildhauer Hans Arp und die Schriftsteller Hermann Hesse, Gerhart Hauptmann oder Ernst Bloch – oder eben meine geschätzte Fanny zu Reventlow. Der Tänzer Rudolf von Lapan legte hier die Grundlagen des Ausdruckstanzes. In den 1920er Jahren schließlich erwarb der Bankier Eduard von der Heydt auf Zutun der russichen Malerin Marianne von Werefkin den Berg und ließ im Bauhausstil ein Hotel errichten. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs endete die Blütezeit des Monte Verità, der 1964 in den Besitz des Kantons Tessin überging. 1989 riefen der Kanton Tessin und die ETH Zürich die Stiftung Monte Verità sowie die Congressi Stefano Franscini ins Leben. Während die Stiftung das gleichnamige Kongress- und Kulturzentrum verwaltet, bildet die Congressi eine Begegnungsplattform zur Durchführung von internationalen Kongressen auf höchstem wissenschaftlichem Niveau.

Im Frühjahr findet am Monte Verità die Veranstaltungsreihe Primavera Locarnese statt, die sich aus Events zusammensetzt: die Eventi letterari Monte Verità und L’immagine e la parola – beide Festivals nutzen dabei ganz unterschiedliche Herangehensweisen an das geschriebene Wort, die Literatur.

ELMV_Logo17_1Um die Eventi letterari Monte Verità soll es in diesem Beitrag gehen. Vom 6.-9. April 2017 findet das Literaturfestival nun zum fünften Mal statt und widmet sich dem spannenden wie weitläufigen Thema »Utopie«, genauer: »Orten der Utopie«. Die Utopie, diese Vorstellung von einer grundlegenden Veränderung des Systems, von der idealistischen Gesellschaft, in der Freiheit, Gerechtigkeit und natürlich Glück herrschen – ein »Nicht-Ort«. Was ist aus dieser ursprünglichen Idee der Utopie geworden? Genau darüber diskutieren am Monte Verità die eingeladenen Autorinnen und Autoren. Sie sprechen über Orte, an denen wir unsere Sehnsüchte festmachen, und wollen auch der Frage nachgehen, ob sich die Utopie selbst zerstört oder ob sie trotz ihres Scheiterns weiterleben wird.

Svetlana Alexijevitsch_(c)Margarita Kabakova
Swetlana Alexijewitsch © Margarita Kabakova

So wird sich die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch mit der Krise der osteuropäischen Völke Ende des 20. Jahrhunderts befassen, während der Argentinier Alberto Manguel einen Katalog der erfundenen Orte auflistet. Peter Stamms Protagonist bricht auf ins Ungewisse; der Schweizer Nicolas Bouvier und Bruce Chatwin erzählen von teils imaginären, teils wirklichen Reisen, die Veränderungen mit sich brachten. Auch Christoph Ransmayr, Frank A. Meyer und der Astronaut Umberto Guidoni werden sich mit der Sehnsucht und den Nicht-Orten auseinandersetzen.

Alessandro Leogrande_1 (senza copyright)
Alessandro Leogrande (ohne ©)

Ein ziemlich greifbarer Sehnsuchtsort, aber möglicherweise auch das Ende der persönlichen utopischen Vorstellungen, ist Europa für die Flüchtlinge, die aus Verzweiflung und in der Hoffnung auf ein besseres Leben ihre Heimat verlassen. »Ursprünglich bezeichnete Utopia, im Griechischen, einen Nicht-Ort. Heute hat diese Ortlosigkeit viele Namen: von Atlantis über Patagonien bis Lampedusa«, heißt es auf der Festival-Homepage. Die drei jungen europäischen Schriftsteller Olga Grjasnowa, Aleš Šteger und Alessandro Leogrande verfassen Logbücher, in denen sie ihre Erfahrungen und ihre Beobachtungen der Flüchtlingsbewegung festhalten.

Neben den Lesungen und Vorträgen wird außerdem der Enrico-Filippini-Preis verliehen. Mit ihm werden Personen ausgezeichnet, die sich hinter den Kulissen von Verlagen und Zeitungen für Bücher einsetzen und die trotz ihrer zentralen Rolle nicht vom Rampenlicht erfasst werden. In diesem Jahr geht der Preis an Romano Montroni, Verleger und Vorsitzender des Zentrums für das Buch und die Lektüre in Rom.

Ebenfalls zu den Eventi letterari Monte Verità gehört das Programm Cenacolo del Monte Verità, das jungen Schweizer und in der Schweiz wohnenden Autoren die Möglichkeit gibt, miteinander Kontakt zu knüpfen und sich dem Publikum vorzustellen. Sie werden von Sebastiano Marvin, Kulturarbeiter und Teilnehmer des letzten Cenacolo betreut, während Alessandro Leogrande den jungen Autoren als Mentor zur Verfügung steht. Zur Auftaktveranstaltung der diesjährigen Eventi letterari werden die Teilnehmer Auszüge aus ihren Werken lesen.

Monte Verità. Anfang des 20. Jahrhunderts ein Sehnsuchtsort, dessen Bedeutung durch die Stiftung und durch solche vielfältig besetzten Festivals wie die Eventi letterari Rechnung getragen, wenn nicht sogar wiederbelebt wird – um für ein Wochenende im Frühjahr im Gedanken der Utopie aufzugehen.

Alle Infos zu Festival, Autoren, Tickets und Anfahrt findet ihr auf der Homepage der Eventi letterari Monte Verità.

Weiterführende Infos zum Monte Verità findet ihr hier.

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