Leipziger Buchmesse 2017

Leipziger Messe - Buchmesse 2017 am 23.03.2017
© Leipziger Buchmesse

Nachdem ich vergangenes Jahr nicht nach Leipzig gefahren bin, wollte ich 2017 wieder dabei sein. Natürlich ist mir das – mal wieder – recht spät eingefallen, doch ich hatte Glück mit Unterkunft, Zug- und Messeticket. Gleich vorab muss ich sagen, dass das diesjährige Programm der Leipziger Buchmesse sehr politisch ausgefallen ist, was ich sehr spannend und interessant fand. Für die zwei Tage, die ich dort war, habe ich allerdings meine Schwerpunkte auf Veranstaltungen und Angebote gelegt, die ich während der Arbeit selten oder gar nicht mitbekommen habe.

#1: Do., 23. März 2017

Am Abend vor dem ausgewählten ersten Tag anzureisen ist natürlich immer sinnvoll, weil man sich dann ausgeruht in die überfüllte S-Bahn oder Tram stürzen und sich den gesamten Messetag geben kann. Ich bin allerdings vor allem wegen der Tropen-Party am Donnerstagabend schon angereist. Die Party wird alljährlich von Klett-Cotta bzw. dem Imprint Tropen organisiert, beginnt zunächst mit einer Lesung (die ich aufgrund von Nahrungsaufnahme verpasst habe), um zu fortgeschrittener Stunde mit guter Musik und einer schönen Auswahl an Getränken aufzuwarten.

#2: Fr., 24. März 2017

In meiner hübschen Excel-Tabelle standen für 10.30 Uhr folgende Veranstaltungen zur Auswahl: »Renaissance der Popliteratur oder literarischer Voyeurismus? Was ist Popliteratur heute?«, ein Gespräch mit Heiner Geißler über das Christ-Sein und die Diskussion, u. a. mit Christine Knödler, »Vater, Mutter, Kind: Brauchen wir mehr Vielfalt in Kinder- und Jugenbüchern?«. An Heiner Geißler bin ich vorbeigelaufen, Popliteratur klang an diesem Morgen gut. Doch das Gespräch wurde schon zu Beginn so abstrakt geführt, dass es schwer war aufmerksam zuzuhören. Also bin ich zur Lesung von Anne Freytag gegangen, um mir im Anschluss mein Exemplar von Den Mund voll ungesagter Dinge signieren zu lassen und dann die letzten Minuten der Diversitäts-Diskussion mitzubekommen. Danach musste ich flink hinüber in Halle 1, ja, zur Manga-Comic-Convention (MCC), denn obwohl mittlerweile aus dieser Phase herausgewachsen, so lese ich doch ab und an noch den ein oder anderen Manga, schätze Anime-Serien und -Filme sehr und schwelge in Teenager-Erinnerungen an Kultserien wie Lady Oscar, Mila Superstar, Zetsuai 1989 oder Sailor Moon. Zu letzterer wurde auf dem schwarzen Sofa ein Vortrag gehalten, bei dem ich festgestellt habe, was ich in den letzten Jahren alles verpasst habe. Gleichzeitig habe ich auch viel gelernt, zum Beispiel dass Sailor Moon 1995 erstmals im ZDF ausgestrahlt wurde und dass La Fée Sauvage im Herbst auf Europa-Orchestertournee gehen und dabei auch einen Abstecher in Deutschland machen werden. Nach dem kurzen Gespräch mit Anne Freytag war diese Info natürlich Anlass zu einem weiteren Fangirling-Moment.

Die Mittagspause habe ich bei der Verleihung des avj-Medienpreises verbracht. Seit 2012 vergibt die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. den Preis an Journalistinnen und Journalisten, die sich besonders für die Kinder- und Jugendliteratur sowohl in klassischen wie auch digitalen Medien engagieren. Dieses Jahr durften Christine Paxmann und Sylvia Mucke stellvertretend für das Team der Zeitschrift Eselsohr den Preis entgegennehmen. Neben ihnen hatten es Maren Bonacker (Lese- und Literaturpädagogin, freie Journalistin), Janett Cernohuby (janetts-meinung.de), Beate Schräder (Westfälische Nachrichten) und Juliane Spatz (hr2) auf die Shortlist geschafft. Nach anregender Unterhaltung mit ehemaligen Kolleginnen und Kollegen habe ich bei Thienemann-Esslinger einen der hübschen Blogger-Kalender abgestaubt und mir die ersten Minuten der Santiano-Veranstaltung Der König der Piraten (Lukas Hainer, Thienemann-Esslinger, Stuttgart 2017) angesehen, bevor ich mich zum verabredeten Kaffee-Plausch am Stand des Carl-Auer Verlags einfand. Hier habe ich zwei Bücher vormerken lassen: Du bist richtig, wie du bist von Stefan Gemmel und Marie-José Sacré (Illustrator) und Wolkentage von Alice Brière-Haquet und der Illustratorin Monica Barengo (beide Heidelberg 2016).

Anschließend war der Tag auf der Messe für mich eigentlich schon vorbei. Ich habe die letzten Sonnenstrahlen am Wasser vor der Messehalle genossen, um dann vor dem allgemeinen Aufbruch in die Südstadt zum Abendessen zu fahren. Gegen 21.30 Uhr bin ich dann noch bei der Lesung der unabhängigen Verlage aufgeschlagen. Lesung der unabhängigen VerlageVier Stunden lang haben verschiedene Autorinnen und Autoren ihre bei unabhängigen Verlagen erschienenen Texte im Lindenfels Westflügel vorgestellt. Das Gebäude ist Spiel- und Produktionsort von internationalem Figurentheater und erweckt an einigen Stellen den Eindruck, dass es nicht mehr lange Gäste aufnehmen könne. Doch bröckelnder Putz, zugemauerte Fenster und laut knarrende Holztreppen haben ihren ganz eigenen Charme und lieferten eine herrlich-gemütliche und trotz der Kargheit warme Atmosphäre. Weniger warm empfand ich die redundante Kritik der Moderatorin und der Lesungsteilnehmer, Konzernverlage würden ihre Autoren und ihre Bücher nicht liebevoll behandeln, sondern nur des Kommerzes wegen ausbeuten. Keine/r der Anwesenden hätte es nötig gehabt, schlecht von der Verlagskonkurrenz zu sprechen, ihre Texte waren gut und unterhaltsam, sprachlich herausragend. Diese Anti-Haltung hat mich etwas irritiert, auch wenn mir natürlich bewusst ist, dass es unabhängige (Klein-) Verlage sicher schwerer haben, sich auf dem Markt zu behaupten. Zum Thema »Abwesenheiten« lasen Alina Herbing aus Niemand ist bei den Kälbern (Arche Literatur Verlag, Zürich/Hamburg 2017) – kühler, teils harter Ton, nicht uninteressant, Juliana Kálnay aus Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens (Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2017) – die leichte, unaufgeregte Stimme der Autorin verlieh dem Text geradezu etwas Phantastisches, und Martin Spieß aus Und bis es soweit ist, gibt es Eiscreme (CulturBooks Verlag, Hamburg 2017) – nach eigener Aussage ein nerdiger Schrifsteller-Kiffer-Roman, mit viel Tempo.

#3: Sa., 25. März 2017

Am Vormittag meines letzten Messetages bin ich durch die Hallen 3 und 5 geschlendert, habe mir grafische Kunstwerke im Bereich Grafikart angesehen und mir am Reprodukt-Stand die Graphic Novels Ein Sommer am See (Jillian Tamaki und Mariko Tamaki, Berlin 2015) und Berichte aus Japan (Igort, Berlin 2016) notiert. An den Ständen der zahlreichen Non-Book-Artikel habe ich mich – wie so oft – gefragt, ob ich mir nicht vielleicht doch ein oder zwei Werkhaus-Hocker anschaffen sollte. In Halle 5 stand ich plötzlich und sehr unvorbereitet in einem Gang mit nahezu nackten Männern auf Buchcovern: Im so genannten Kuschelgang präsentierten sich Verlage wie der Dead Soft Verlag oder der A.P.P. Verlag, also Verlage mit vorwiegend »Boys Love«- und erotisch-romantischen Inhalten. Von hier aus trieb es mich zum Bereich Studium rund ums Buch. Die jeweiligen Ausbildungsstätten hatten einen schön gemütlichen Stand eingerichtet. Um 11.00 Uhr fand hier die spannende Diskussion zum Thema »Queer Literatur – Herausforderungen und Probleme eines Genres«. Studierende der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig sprachen mit Jim Baker (Geschäftsführer des Querverlags in Berlin), Autorin Doris Hermanns (u. a. für Virginia) und Julia Schwenk (Lektorin und Marketing beim Cursed Verlag) über Wirtschaftlichkeit, Zielgruppen und Digitalisierung. Die Zusammensetzung der Gesprächsrunde war interessant gewählt, da mit Julia Schwenk ein Verlag vertreten war, der sich bewusst nicht auf die schwul-lesbische Zielgruppe spezialisiert hat, sondern inspiriert und aus der Neigung für shonen ai– und yaoi-Manga (mittlerweile auch »Boys Love« bzw. BL genannt) heraus ein Programm zusammenstellt, das überwiegend von Frauen geschrieben und auch von ihnen rezipiert wird.

Cosplay-Wettbewerb_LBM17
Teilnehmer des Cosplay-Wettbewerbs © Leipziger Buchmesse

Den Samstagnachmittag habe ich bis zur Abfahrt meines Zuges ausschließlich in der Sonne und in Halle 1 verbracht. Wenn ich schon in Leipzig war, musste ich mir natürlich den Leipziger Cosplay Wettbewerb (inklusive Heiratsantrag auf der Bühne!) anschauen. Auch wenn sich die schönsten Cosplayer außerhalb der Halle posierend in der Sonne befanden, war der Wettbewerb mit 24 teilnehmenden Gruppen äußerst unterhaltsam und hat sich bei weitem nicht nur auf Manga und Anime beschränkt. Cosplayer von Computerspielen, Filmen und anderen Comics waren breit vertreten. Was ich bis dahin nicht wusste: ein Cosplay-Wettbewerb bedeutet nicht, dass die Teilnehmer einfach nur ihre Kostüme auf der Bühne präsentieren. Nein! Sie überlegen sich eine eigene Szene zu ihren dargestellten Charakteren und spielen diese, wählen außerdem die Musik und mögliche Video-Einspieler aus. Das Publikum, offensichtlich eine eingeschworene Fan-Gemeinde, war begeistert und tat dies lauthals kund. Leider konnte ich nicht bis zur Preisverleihung bleiben und habe bisher auch noch nicht herausgefunden, wer gewonnen hat. Für mich persönlich ist das Ergebnis allerdings gar nicht so wichtig, denn Spaß hat diese Messe auf jeden Fall gemacht!

#4: Nachklapp (jetzt wird es doch noch ein bisschen politisch)

Nun ist die Messe bereits eine gute Woche her und bei allen guten Erinnerungen habe ich dann doch auch von der Diskussion um die MCC gehört. Carsten Otte vom SWR kritisiert, dass die Zahl der Cosplayer und MCC-Besucher überhand nehme, den reibungslosen Ablauf der Buchmesse störe und die Ernsthaftigkeit und politische Aktualität insbesondere der diesjährigen Veranstaltungen verhöhne (hier geht es zum Beitrag). Da kann man natürlich drüber streiten. Meinungsfreiheit in anderen Ländern fordern, aber bestimmten Gruppen den Zugang zur Messe aberkennen wollen – finde ich schwierig. Manga gehören genauso zur Buchbranche wie Sachbuch, (Unterhaltungs-) Literatur und Comics. Cosplay gehört da eben dazu. Die Kostüme werden mit viel Liebe und in Handarbeit von den Fans hergestellt; pornographische Posen, die Herr Otte gesehen haben soll, habe ich keine mitbekommen. Die Tradition der japanischen Comics geht sogar weit bis ins 8. Jahrhundert zurück und war in früheren Jahren ein Mittel zur satirischen Auseinandersetzung mit aktuellen Themen. Da ich einen ganzen Beitrag dazu schreiben könnte, möchte ich an dieser Stelle auf die differenzierten Auseinandersetzungen von Autorin Lena Falkenhagen auf Tor Online und von Margarete Stokowski auf Spiegel Online verweisen. Auch Oliver Zille von der Buchmesse hat sich dem MDR gegenüber zur MCC bekannt. Als Manga-Leserin habe ich natürlich eine andere Meinung als Carsten Otte, trotzdem sollte Kritik und Diskussion nicht mit Beleidigungen und Anfeindungen geführt werden. Aus einem offenen Brief des Literaturkritikers an die Cosplayer geht hervor, dass er auf Facebook einem Shitstorm ausgesetzt ist/war, der von Höflichkeit und sachlicher Diskussion weit entfernt ist (auch wenn sich dort durchaus auch sachliche, differenzierende Stimmen finden!). Dies wirkt sich im Rückschluss nur negativ auf die Cosplay-Gemeinde aus und schadet ihrem Ansehen – äußerst schade!

Leipziger Messe - Buchmesse 2017 am 25.03.2017
Cosplayer © Leipziger Buchmesse

Fotos: Wenn nicht anders angegeben © bateaudeslivres/Dominique Schikora

Wart ihr auf der LBM17? Welche Beiträge waren eure Highlights? Und wie haltet ihr es mit Cosplayern?

3 Gedanken zu “Leipziger Buchmesse 2017

    1. Danke dir, liebe Isabell!
      Ich werde auf der FBM sein, allerdings nicht im Auftrag vom Bücherschiff, sondern rein beruflich. Vermutlich wird es dieses Jahr deshalb keinen FBM-Bericht geben, da ich bisher nur Samstagvormittag frei bin – und das ausgerechnet, wenn Frankreich Gastland ist! Vielleicht mache ich einen Vorbericht? 😉
      Lieben Gruß!

      Liken

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