Zermürbende Erwartung

»Jetzt saß ich da, die Stirn an die Fensterscheibe gelehnt, und erzählte von meiner Arbeit und dass mein Kollege wieder zweideutige Bemerkungen gemacht hatte. Ich sagte meiner Mutter nicht, dass ich kaum noch schlief, sondern die Nächte damit verbrachte, Sitcoms zu schauen, fröhliche Menschen, die mit ihren Freunden in einer Bar saßen und Bier tranken, Staffel 1 bis 9 auf illegalen Websites, ein flimmernder Bildschirm und rote Augen und Werbung für Sexseiten, die ich wegdrücken musste, um die Serien sehen zu können.«
(Kristina Pfister: Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten, S. 6)
»Ich überlegte. Ich wollte einen Job finden und etwas, das mich glücklich machte. Ich wollte Freunde, die ich wirklich gern hatte. Ich wollte immer noch Schwedisch können, obwohl ich zu faul war, es zu lernen. Ich wollte keine Angst mehr haben. Ich wollte nachts schlafen können.«
(Kristina Pfister: Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten, S. 103)

Pfister_Die Kunst einen Dinosaurier zu faltenWas machen sie eigentlich, die jungen Menschen nach dem Studium? Die Welt liegt offen vor ihnen, sie können frei wählen, was sie tun oder lassen wollen. Klingt einfach und irgendwie luxuriös, so viel Angebot. In ihrem Debütroman Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten macht Kristina Pfister allerdings deutlich, dass es eben nicht so easy ist, ein Leben nach dem Studium aufzubauen und erfüllt zu leben.

Annika hangelt sich von einem Praktikum zum nächsten, einen festen Job hat sie nicht, einen Freund auch nicht, dafür trauert sie einem Freddie nach, dem sie öfters mal die Meinung hätte sagen sollen. Der Freundeskreis von früher ist eher die Aufrechterhaltung damaliger Verbundenheit, man ist sich fremd. Was sie will, weiß sie nicht so genau – glücklich sein wäre toll. Stattdessen sitzt sie im Wohnheim irgendeiner namenlosen Stadt und verbringt schlaflose Nächte mit Binge Watching. Zwischendurch beobachtet sie ihre Nachbarin im gegenüberliegenden Wohnblock, die ein total aufregendes, mit vielen coolen Freunden bevölkertes Leben zu führen scheint. Genau diese Nachbarin steht eines Abends vor Annikas Wohnung und lädt sie zu sich ein. Sie trinken, reden, schweigen miteinander.

Nach dieser Begegnung bricht Annika das Prakitkum ab und kehrt zu ihrer Mutter zurück. Dort gammelt sie tätigkeitslos in der immer gleichen Hose auf dem Sofa herum, spielt Zombie-Shooter und weicht den Fragen ihrer Mutter und deren Freundinnen nach ihren Plänen weitestgehend aus. Dann begegnet sie zufällig Marie-Louise, der Ex-Nachbarin aus dem Wohnheim, und erlebt einen Richtungswechsel, der ihr nicht nur einen abwechslungsreichen und unvergesslichen Sommer, sondern auch mehr Selbstbewusstsein und Orientierung beschert. Marie-Louise ist anders, unkonventionell und vor allem nicht langweilig. Sie macht, was sie will. Arbeit, Freunde, die einem auf die Nerven gehen oder Glück? Langweilig! Marie-Louise lässt sich von einem zum nächsten Moment treiben.

Annika kommt einem nah, vielleicht sogar zu nah. Die Autorin schreibt schön poetisch und nimmt einen dabei wie nebenbei mit in Annikas düster wabernde Leere. Manchmal möchte man Annika schütteln, ihr sagen, dass sie sich bloß aufraffen muss. Dann wieder erlebt man kleine, wunderbare Abenteuer mit ihr, die Freiheit oder Glück nicht unähnlich sind. Kristina Pfister, Jahrgang 1987 und Absolventin der Bayerischen Akademie des Schreibens, schafft mit ihrer zarten Sprache einen Roman, der die Situation zahlreicher Uni-Absolventen und Berufseinsteiger mit endlosen Möglichkeiten treffend und ungefiltert darstellt und zugleich aufzeigt, was möglich wäre, wenn man sich von all den Zwängen und Erwartungen einmal freimachen würde.

Kristina Pfister: Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten, Tropen bei Klett-Cotta, Stuttgart 2017, Hardcover, 253 S.

Ein Gedanke zu “Zermürbende Erwartung

  1. Liebe Dominique,
    ich habe bislang noch nie von diesem Buch gehört, geschweige denn eine Rezension dazu gelesen. Erstaunlich, wo das doch ein Thema ist, das viele Buchblogger (von denen sich ja viele in Ausbildung, Studium oder der ersten Zeit danach zu befinden scheinen) beschäftigen müsste! Ich habe es mir jedenfalls gerade auf die Wunschliste gesetzt. Ein Buch, das mir im Zusammenhang damit einfiel, das allerdings einen ganz anderen „Spin“ hat, ist „Ich sehe alles“ von Katharina Bendixen (mein Eindruck: https://wissenstagebuch.com/2017/05/03/katharina-bendixen-ich-sehe-alles/ ). Vielleicht würde dir das auch gefallen.
    Viele Grüße, Jana

    Liken

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