Aus der Zeit gefallen

»Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qiánlóng, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ.«
(Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit, S. 9)

Ransmayr_Cox oder Der Lauf der ZeitMit Cox oder Der Lauf der Zeit bin ich buchstäblich aus der Zeit gefallen. Einmal, weil ich gefühlt ewig gebraucht habe, um das Buch ausgelesen zu haben, denn seine Sprache verlangt volle Aufmerksamkeit und lässt nicht zu, dass man es ›eben mal wegliest‹. Zum anderen nimmt Christoph Ransmayr die Lesenden mit in eine längst vergangene Zeit, in ein Reich, in dem alle uns bekannten Gesetze ungültig zu sein scheinen: Allein der Kaiser Qiánlóng, ein allmächtiger Gottmensch, lenkt die Welt nach seinem Willen.

Alister Cox ist erfolgreicher Uhrmacher und Automatenbauer in Großbritannien. Gemeinsam mit drei seiner besten Mitarbeiter reist er auf Einladung des Kaisers von China in die Verbotene Stadt, um dort nach der Vorstellung des Erhabenen Uhren zu bauen. Am Hof wird nach strengem Protokoll gelebt, Maßlosigkeit und (willkürliche) Macht des Herrschers sind allgegenwärtig. Es dauert lange, bis Qiánlóng Cox zu sich ruft, um ihm seinen ersten Auftrag zu erteilen. Insgesamt sollen die Fremden drei Uhren bauen: eine, die die scheinbar langsam vorbeigehenden Tage eines Kindes anzeigt, eine, die sich der empfundenen Zeit eines zum Tode Verurteilten widmet. Und schließlich ein Uhrwerk, das die Ewigkeit messen soll. Gerade das Perpetuum mobile sorgt für Unruhe bei den Untertanen: Wie kann ein einfacher Mann der Ewigkeit, über die doch der alles überdauernde Kaiser herrscht, eine Form geben wollen – ist das nicht fast schon Blasphemie?

Christoph Ransmayr schreibt in unglaublichen Bildern eine Geschichte über Schönheit und Vergänglichkeit, über das Leben unter einem Despoten, über das Rätsel der Zeit. Oft haben mich seine Beschreibungen an die teilweise bewegten, mit Licht hinterlegten Landschaftsbilder in chinesischen Restaurants erinnert (die zugegeben ziemlich kitschig sind, was sicher nicht auf den Text zuftrifft): poetisch und detailreich schwört er Absatz für Absatz ein fernes, fremdes Land herauf. Gleichzeitig fühlte ich mich gerade während der Textstellen über Cox‘ verstorbene Tochter Abigail und seine junge, seit dem Verlust verstummte Frau Faye sehr an Joris-Karl Huysmans À rebours (dt. Gegen den Strich) oder die Texte von Rachilde erinnert, in denen Liebe, Schönheit und Vergänglichkeit eng verwoben und geradezu zelebriert werden: »Cox hatte die Augenlider seines Töchterchens mit blauen Saphiren beschwert, die für einen Rotmilan gedacht waren, den der Herzog von Marlborough in Auftrag gegeben hatte. Mit den Silberschwingen des Milans hatte er Abigails dünne Arme bedeckt. An ihrem vom Fieber und Husten ausgezehrten, in ein Totenhemd aus weißem Atlas gehüllten Körper schimmerten selbst Raubvogelschwingen wie die Flügel eines Engels.« (Ransmayr: Cox, S. 20)

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 32016, Hardcover, 304 S.

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