Sinnlich und leicht: Call Me By Your Name

»Aber von bloßer Demütigung konnte ja gar keine Rede mehr sein. Nach Wochen des Sehnens und des Wartens und – ja, zugegeben – des Bettelns, nach geweckten Hoffnungen, gegen die ich nach Kräften angekämpft hatte, wäre eine Weigerung die Katastrophe schlechtin. Wie kann man danach je wieder schlafen? Ins eigene Zimmer zurückschleichen, so tun, als schlüge man ein Buch auf, um sich in den Schlaf zu lesen?
Oder: Wie schläft man wieder ein, wenn man nicht mehr unberührt ist? Von dort gab es keinen Weg zurück.«
(Aciman: Call Me By Your Name, S. 149f.)
»Würde ich weiterleben können, ohne seine Hand auf meinem Bauch oder auf meiner Hüfte zu spüren? Ohne eine Wunde an seiner Hüfte zu lecken und zu küssen, die noch Wochen zum Heilen brauchen würde, aber jetzt ohne mich? Wen außer ihn würde ich jemals bei meinem Namen rufen können?«
(Aciman: Call Me By Your Name, S. 217)

9783423086561Irgendwann um Weihnachten herum habe ich das erste Mal den Trailer von Call Me By Your Name gesehen und war sofort hin und weg. Einige Wochen später habe ich festgestellt, dass es zu diesem Film eine Romanvorlage von André Aciman gibt. Noch bevor ich das Buch ausgelesen hatte, habe ich mir den Film in einer der Sonntagsmatineen der City Kinos in München angeschaut. Sonntagvormittage sind ideal, um ins Kino zu gehen. Worum geht’s?

Elio ist 17 und verbringt den Sommer mit seinen Eltern auf dem Landsitz der Familie irgendwo in Norditalien. Wie jedes Jahr lädt sein Vater, Archäologieprofessor und hervorragend gespielt von Michael Stuhlbarg, einen Universitätsabsolventen ein, ihn bei seinen Forschungsarbeiten zu unterstützen. Im Sommer 1983 ist dies der 24-jährige Oliver aus Neuengland. Oliver sieht gut aus, er ist weltgewandt, intelligent und sorgt bei seinen Gastgebern mit seiner recht offenen, nonchalanten Verabschiedung »Later!« regelmäßig für Stirnrunzeln. Elio, der die Sommermonate damit verbringt, Musik zu transkribieren, zu lesen und zu schwimmen oder mit seiner Freundin Marzia aus Paris zu flirten, fühlt sich leidenschaftlich zu dem US-Amerikaner hingezogen. Gleichzeitig hat er den Eindruck, dass Oliver ihn durchschaut, aber selbst nicht mit offenen Karten spielt. So beginnt ein Spiel zwischen Verlangen und Verzweiflung zwischen den beiden, das sich immer weiter zuspitzt.

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Elio und Oliver © Sony Pictures Classics

Luca Guadagnino gelingt mit der Verfilmung von André Acimans Roman etwas sehr Besonderes: Das subtile Hin und Her zwischen Elio und Oliver (die beiden sprechen sehr wenig miteinander und häufig derart verschlüsselt, dass ich mich bei der Lektüre gewundert habe, dass sie sich überhaupt gegenseitig verstehen), die Sehnsucht nach einander und die Leichtigkeit dieses Sommers übersetzt der Regisseur gekonnt ins bewegte Bild.

Die Musik, für die Daniel Pemberton verantwortlich zeichnet, spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle: Elio spielt auf Klavier und Gitarre diverse Variationen von Bachs Pianostücken. Diese und weitere klassische Stücke drücken die Zerrissenheit der jungen Männer aus, spiegeln diese und weisen in einigen Szenen gewissermaßen auf kommende Szenen voraus. Diskobesuche, Nachmittage am Strand, das Radio am Bettrand – hier werden italienische Popsongs aus den 1980ern gespielt (ich wurde sofort zurückversetzt in meine Kindheit, deren Sommer ich auf Campingplätzen in Italien und Frankreich verbracht habe, auf denen nachts eben diese Lieder von der Bar bis zum Stellplatz getragen und die Träume versüßt haben). Und dann erklingt die Titelmusik von Sufjan Stevens, Visions of Gideon und Mystery of Love, und trifft mitten ins Herz!

Auch durch die klaren, sommerlich starken Aufnahmen erhält der Film eine Leichtigkeit und eine Melancholie (oder auch Nostalgie), die die Erinnerung vergangener Sommer und der ersten Liebe wecken. Während Aciman sich in der Romanvorlage zentral mit der Liebe zwischen zwei Männern und mit ihrem Verlust bzw. ihrer Parallelität zum heteronormativen Leben auseinandersetzt, so schafft Guadagnino mit Call Me By Your Name einen Film nicht nur über die Liebe zweier Männer, sondern über die erste Liebe im Allgemeinen, zwischen zwei Menschen. Die Intensität, die der Autor in dem Moment erweckt, in dem Oliver und Elio der jeweils andere werden, ist im Film ebenso zu spüren: Armie Hammer und Timothée Chalamet strahlen in ihren Rollen als Oliver und Elio eine Authentizität und Sinnlichkeit aus, die einen in den Film hineinziehen und lange nachwirken. Zurecht werden sie und die Verfilmung derzeit gefeiert.

call-me-by-your-name-oscarHervorgehoben werden muss auf jeden Fall Elios Vater, der in verschiedensten Szenen (im Buch und im Film) auf die mögliche Beziehung zwischen den beiden jungen Männern anspielt und der am Ende der Geschichte seinem Sohn diese wunderbaren Worte mit auf den Weg gibt: »Ihr hattet eine wunderbare Freundschaft. Vielleicht mehr als Freundschaft. Und ich beneide dich. Die meisten Eltern würden hoffen, dass es vorübergeht, oder beten, dass ihre Söhne möglichst bald wieder festen Boden unter den Füßen bekommen. Aber ich denke da anders. Wenn der Schmerz kommt, pflege ihn, und wenn eine Flamme brennt, lösche sie nicht, sei nicht brutal zu ihr. Entzug kann schrecklich sein, wenn er uns nachts wachhält, und zu erleben, dass andere uns schneller vergessen, als uns lieb sein kann, ist nicht besser. Wir reißen so viel mit Stumpf und Stiel aus unserer Seele, um nur ja ganz schnell wieder gesund zu werden, dass wir bis dreißig bankrott sind und bei jedem Neuanfang weniger zu bieten haben. Aber nichts zu fühlen, um nichts fühlen zu müssen – welche Vergeudung!« (S. 258)

Call Me By Your Name, Italien/Frankreich/USA/Brasilien 2017, 113 Min., Drama. Regie: Luca Guadagnino, Drehbuch: Luca Guadagnino, James Ivory, Walter Fasano. Darsteller: Armie Hammer, Timothée Chalamet, Michael Stuhlbarg, Amira Casar, Esther Garrel, Victoire Du Bois u.a. Zum Trailer.

André Aciman: Call Me By Your Name. Ruf mich bei deinem Namen. Das Buch zum Film, aus dem amerikanischen Englisch von Renate Orth-Guttmann, dtv Verlagsgesellschaft, München 2018, Taschenbuch, 288 S.

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