Der Blick durch die Glasglocke

»I felt very low. I had been unmasked only that morning by Jay Cee herself and I felt now that all the uncomfortable suspicions I had about myself were coming true, and I couldn’t hide the truth much longer. After nineteen years of running after good marks and prizes and grants of one sort and another, I was letting up, slowing down, dropping clean out of the race.«
(Sylvia Plath: The Bell Jar, S. 29)
»That’s one of the reasons I never wanted to get married. The last thing I wanted was infinite security and to be the place an arrow shoots off from. I wanted change an excitement and to shoot off in all directions myself, like the colored arrows from a Fourth of July rocket.«
(Sylvia Plath: The Bell Jar, S. 83)
»Doctor Gordon was fitting two metal plates on either side of my head. […]
There was a brief silence, like an indrawn breath.
Then something bent down and took hold of me and shook me like the end of the world. Whee-ee-ee-ee-ee, it shrilled, through an air crackling with blue light, and with each flash a great jolt drubbed me till I thought my bones would break and the sap fly out of me like a split pant.
I wondered what terrible thing it was that I had done.«
(Sylvia Plath: The Bell Jar, S. 143)

Plath_The Bell JarDas erste Mal habe ich von Sylvia Plath in der Mensa der Uni Siegen gehört. KommilitonInnen aus der Anglistik erzählten, dass sie im Seminar gerade The Bell Jar und die Gedichte von Sylvia Plath besprachen. Ihre Begeisterung führte dazu, dass ich die Autorin auf meine Buchwunschliste setzte. Ein zweites Mal kam ich mit ihr in Berührung, als ich für ein kulturwissenschaftliches Seminar die Geschichte der Frauenbewegung und die feministische Literaturwissenschaft in einem Referat vorstellte. Trotzdem hat es lange gedauert, bis Sylvia Plath in mein Buchregal Einzug hielt. Vor zwei Jahren stand ich in Paris in der Buchhandlung Shakespeare & Co. (ich liebe diese Buchhandlung, weil auf allen Stockwerken Platz für Schreibende und Lesende geschaffen wurde, inmitten von sich kreuz und quer stapelnden Büchern) und entdeckte die Sonderausgabe von The Bell Jar zum 50. Todestag Sylvia Plaths.

The Bell Jar ist der einzige Roman von Sylvia Plath. Sie erzählt darin die Geschichte von Esther, einer hübschen und erfolgreichen College-Studentin, die 1953 ein Volontariat bei einer Frauenzeitschrift in New York absolviert. In der Metropole stellt sich jedoch heraus, dass sie die an sie gestellten Erwartungen nicht erfüllen kann: Ihre Vorgesetzte fordert mehr Einsatz in der Redaktion, während sie sich hin- und hergerissen fühlt zwischen ihren Mitvolontärinnen Doreen und Betsy, die eine Partygirl und Flirt, die andere braves und zurückhaltendes Mäuschen.

Gleichzeitig kämpft Esther mit ihrer Beziehung zu Buddy. Buddy, angehender Mediziner aus gutem Haus, hält nicht viel von den Ambitionen seiner Freundin, ihre Gedichte kritisiert er vernichtend, ebenso ihre beruflichen Ziele. Stattdessen erwartet er von ihr Treue, Keuschheit und den Wunsch nach Ehemann und Kindern. Auf die Frage, ob er denn ebenfalls sexuell unberührt in die Ehe ginge, gesteht er ihr, dass er bereits mit Frauen vor ihr Erfahrungen gesammelt hat. Esther fühlt sich hintergangen und nennt ihn ab da nur noch einen Heuchler. Auch ein Jahr später in New York, als Buddy wegen Tuberkulose in einem Sanatorium behandelt wird und sie erfolglos ihre Jungfräulichkeit durch Männerbekanntschaften zu überwinden versucht, ärgert sie sich noch über diverse Bemerkungen Buddys und ihre treudoofe, nicht schlagfertige Reaktion.

Am Ende des Volontariats reist Esther zurück in ihre Heimatstadt; von der erfolgreichen, selbstbewussten jungen Frau ist kaum etwas geblieben. Bei ihrer Mutter erfährt sie, dass sie die Aufnahme in den Schriftsteller-Sommerkurs nicht geschafft hat. So verbringt sie den Sommer im Haus ihrer Mutter, beginnt diverse (ehrenamtliche) Jobs und einen eigenen Roman, alles bricht sie jedoch rasch wieder ab. Die in New York bereits begonnene Depression und Wahnvorstellungen nehmen zu. Sie schläft kaum, isst wenig. Eine Freundin schickt sie zu einem Psychiater, der ihr Elektroschocktherapie verschreibt. Traumatisiert von dieser Erfahrung, beschließt sie, sich das Leben zu nehmen. Esther überlebt den Suizidversuch und wird, unterstützt von einer wohlhabenden Schriftstellerin, in einer privaten Klinik aufgenommen. Hier hat Esther das erste Mal Kontakt mit einer Ärztin, Doctor Nolan. Zu ihr fasst sie Vertrauen, und beginnt so zu genesen.

The Bell Jar wird meist als autobiografischer Roman behandelt. Tatsächlich gibt es zahlreiche Parallelen zwischen der Romanhandlung und dem Leben der Autorin. Zuallererst dokumentiert Sylvia Plath in ihrem Roman jedoch die Lebenssituation einer jungen intelligenten Frau in den USA der 1950er Jahre. Sie verdeutlicht die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen (einen Job ausführen, bis sie einen gut situierten Mann finden, für den sie eine Stütze und Mutter seiner Kinder sein können). Die Protagonistin ist talentiert und möchte weit mehr erreichen als Hausfrau zu sein, stößt sich allerdings an den beschränkten Handlungsmöglichkeiten. Die Diskrepanz zwischen ihren eigenen Ambitionen und den Erwartungen, die an sie gestellt werden, stürzt sie in ein Dilemma, lähmt sie. Ziemlich zu Anfang sagt Esther: »I felt very still an very empty, the way the eye of a tornado must feel, mpving dully along in the middle of the surrounding hullabaloo.« (S. 3) In einem Kapitel spricht sie über einen weit verzweigten Feigenbaum und vergleicht ihr Leben mit ihm: Jeder Ast steht dabei für einen ihrer Träume, eine ihrer Möglichkeiten. Doch während sie wie gelähmt ist vor der Fülle an Auswahl, reifen die Früchte und beginnen zu faulen – am Ende hat sie keine Chance genutzt.  An anderer Stelle greift die Autorin das Bild der Glasglocke aus dem Titel auf: Esther fühlt sich abgeschirmt von der Welt, als befinde sie sich in einem Vakuum. Sie kann die Welt um sich herum beobachten, jedoch nicht am Geschehen teilnehmen. Gleichzeitig kommt sie sich durch die Glaswand vor als werde sie von ihren Mitmenschen beobachtet. Das bedrückende Gefühl, nicht frei atmen zu können, löst sich erstmals in der Klinik von Doctor Nolan langsam auf: »The bell jar hung, suspended, a few feet above my head. I was open to the circulating air.« (S. 215)

Sylvia Plath erzählt die Geschichte von Esther aus der Ich-Perspektive. Die Lesenden erleben dadurch eine sehr unzuverlässige Erzählerin, deren psychische Erkrankung sich zunehmend verstärkt. Die Lektüre bietet damit den unmittelbaren Blick in die Gemütswelt eines depressiven Menschen – ein Blick, der in Romanen zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung in den 1960er Jahren eine Seltenheit war. Die Lesenden begleiten Esther auf ihrem Weg, erfahren ihre ›Wiedergeburt‹ und ihren Neubeginn nach der Behandlung. Sie erhalten auch Einblick in die Fragen, die Esther auf dem Weg zu ihrer Genesung beschäftigen und die Buddy bei einem Besuch in Worte fasst: »I wonder who you’ll marry now, Esther. Now you’ve been […] here.« (S. 241) Doch Esther hat in ihrer Geschichte zu neuem Selbstbewusstsein gefunden, kann ihre Erfahrungen annehmen: »But they were part of me. They were my landscape.« (S. 237)

Zu diesem Buch könnte noch so viel gesagt werden, über die Metaphern, die unterschiedlichsten Bezüge innerhalb des Textes, oder auch darüber, dass Esther sehr wohl weiß, dass die Glasglocke nun zwar angehoben ist, aber sie sich durchaus wieder über sie senken kann. The Bell Jar ist unbedingt lesenswert. Nicht nur, weil Sylvia Plath für die Frauenbewegung in den 60er Jahren eine wichtige Figur darstellt oder weil sie eine der ersten Frauen war, die in dieser Offenheit über psychische Erkrankungen geschieben haben (hier übrigens unbedingt erwähnenswert: Charlotte Perkins Gilman The Yellow Wallpaper (um 1890), eine intensive Erzählung über einer Frau, die als wahnsinnig diagnostiziert einer ›rest cure‹ unterzogen wird und dadurch erst recht leidet), sondern weil Esthers Geschichte zwar eine schmerzhafte ist, aber auch eine mit unglaublich viel Humor, Selbstironie und schöner Sprache, dass die Lektüre sowohl eine wissenserweiternde als auch eine unterhaltsame ist.

Sylvia Plath: The Bell Jar. 50th Anniversary Edition, HarperPerennial Modern Classics, New York/London 2013.

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