Lektüre für Feminist*innen und solche, die es werden wollen

»Bei mir waren es drei Dinge, die mich zum Feminismus gebracht haben: erst die Erkenntnis, dass guter Sex nichts damit zu tun hat, dass man ein Skript nachspielt, bis der oder die andere kommt; dann die Feststellung, dass Vielfalt etwas Bereicherndes ist und nichts Bedrohliches; und zuletzt die Sicherheit, dass Ungerechtigkeit und Gewalt nicht davon weggehen, dass wir sie ignorieren oder als Einzelfälle kleinreden.«
(Margarete Stokowski: Untenrum frei, S. 227)

Stokowski_Untenrum freiWie Margarete Stokowski hat wohl jeder Mensch, der/die sich als Feminist*in bezeichnet oder sich für das Thema interessiert, in seinem/ihrem Leben Erfahrungen, die ihn oder sie zum Feminismus gebracht haben. Auch ich habe ein erstes theoretisches Interesse in meinem Studium entwickelt, als wir u.a. über Judith Butler, die Unterscheidung von gender und sex, Virginie Despentes und die unterschiedlichen Wellen des Feminismus‘ gesprochen haben. Rückblickend bin ich mir jedoch ziemlich sicher, dass mich ein Gefühl von Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen schon in der Grundschule beschlichen hat, ich es aber nicht in Worte fassen konnte.

Untenrum frei ist für mich in vielerlei Hinsicht Rückblick, Verständnis und Aha-Moment in einem. Margarete Stokowski gibt anhand kurzer Anekdoten aus ihrer Kindheit und Jugend einen Einblick in ihre Erfahrungen und verknüpft diese anschließend geschickt mit der gesellschaftspolitischen Ebene: sie macht das Private politisch. Sollte ich diesen Wahlspruch der Feminist*innen der 1970er bisher noch nicht verstanden haben, spätestens seit meinem euphorisierten Ritt durch Margarete Stokowskis Abhandlung kann ich nachvollziehen, was damit gemeint war und ist.

Ohne Schnörkel, witzig und manchmal ziemlich böse, wirft die Autorin einen Blick auf die aktuelle Lage der Frau(en) und kritisiert das bestehende System, in dem zwar bereits viel für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen geschehen ist, aber immer noch Luft nach oben ist. Sie stellt dabei klar, dass es nicht darum geht, Männer zu benachteiligen und die aktuellen Machtverhältnisse durch weibliche Macht zu ersetzen. Vielmehr geht es ihr um ein anarchistisches Verständnis: »Aber feministische Weltherrschaft ist keine Option. Erstens, weil Weltherrschaft generell keine Option ist, und zweitens, weil es um die Abschaffung von Herrschaft geht und nicht um ihre Umkehr.« (S. 160)

In sieben Kapiteln nähert sich Margarete Stokowski Rollenbildern, Körperidealen, Bildung, der Freiheit und Verbindung von Sexualität und Geist, Machtverhältnissen, der Notwendigkeit von Gelassenheit und der Rolle der Liebe an. Sie macht dies äußerst unterhaltsam und direkt, verweist auf Philosoph*innen und Feminist*innen und macht immer wieder deutlich, dass der Feminismus eine vielfältige und offene Bewegung ist und sein sollte, der sich Frauen und Männer anschließen können (denn ohne Männer können die Ziele nicht erreicht werden), und dass bei all den unterschiedlichen Etappenzielen, doch das eine übergreifend angestrebt wird: Gleichberechtigung und Chancengleichheit für alle Menschen in all ihrer Individualität.

Um dies zu erreichen, müssen wir vor allem eines tun: genau hinsehen, Ungerechtigkeiten und Unrecht benennen, im Austausch sein, konstruktiv und nicht gegeneinander – auf keinen Fall aber sollten wir schweigen. »Andere Menschen finden andere Wege [zum Feminismus, Anm. d. Red.], und alles, was wir tun können, ist, von unseren Wegen zu erzählen und zu hoffen, dass alle anderen auch gut ankommen.« (S. 227)

Es gibt zu Untenrum frei noch so viel mehr zu sagen, zum Beispiel, dass die Schule ein guter Ort wäre, dieses Buch zu lesen, auch und gerade für die Jungs; dass die Fußnoten ebenso lesenswert sind wie die Anmerkungen im Anhang und dass die Sekundärliteratur, auf die Margarete Stokowski sich bezieht, ebenfalls äußerst lektüreinladend klingt. Doch ich möchte bloß sagen: Lest selbst, es lohnt sich!

Margarete Stokowski: Untenrum frei. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 6. Auflage 2019.

Und wenn ihr schon dabei seid und mehr über Feminismus, Frauen und ihren Alltag und ihre Träume lesen wollt, dann möchte ich die folgenden Titel unbedingt empfehlen (unvollständig und in unregelmäßigen Abständen sich erweiternde Liste):

Katja Klengel: Girlsplaining. Reprodukt Verlag, Berlin 2018

In ihrer Graphic Novel erzählt die Autorin, wie es für sie war, als Mädchen aufzuwachsen. Körperkult, Scham, Sexualität und die stete Nicht-Benennung bzw. Stigmatisierung der weiblichen Geschlechtsorgane sind in den humorvollen und schonungslos ehrlichen Comics zentrale Themen.

Pénélope Bagieu: Culottés. Des femmes qui ne font que ce qu’elles veulent. Gallimard, Paris 2016 & Pénélope Bagieu: Unerschrocken. Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen. Aus dem Französischen von Claudia Sandberg und Heike Drescher, Reprodukt Verlag, Berlin 2018

In Band 1 und 2 der bandes dessinées widmet sich die Autorin Frauen, die bisher vielleicht noch nicht allzu viel Beachtung erhalten haben, und ihren ungewöhnlichen Lebenswegen. Im ersten Band lernen wir Clémentine Delait, die Frau mit dem Bart, und Agnodike, die erste Ärztin und Gynäkologin der griechischen Antike, kennen. Im zweiten Band stellt Pénélope Bagieu uns u.a. die 1996 geborene Rapperin Sonita Alizadeh und die Aktivistin Naziq al-Abid vor.

Atwood_Der Report der MagdMargaret Atwood: Der Report der Magd. Aus dem kanadischen Englisch von Helga Pfetsch, Piper Verlag, München 7. Auflage 2017

Die vielfach ausgezeichnete Autorin entwirft in diesem Roman einen religiösen und totalitären Staat, in dem die Frauen aufgrund einer atomaren Verseuchung weitestgehend unfruchtbar sind. Die Frauen werden in drei Kategorien eingeteilt: Ehefrauen von Führungskräften, Dienerinnen und Mägde. Letztere dienen zur Fortpflanzung und sollen für unfruchtbare Ehefrauen Kinder empfangen. Die eindrückliche Geschichte einer dieser Mädge erzählt Margaret Atwood in diesem Roman. Geht unter die Haut.

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