Tweak – Schonungslose Autobiographie eines Drogensüchtigen

»›[…] They all seemed to know exactly what they were doing while I didn’t have a clue. That is, until I found drugs and alcohol. Then it was like my world suddenly went from black-and-white to Technicolor.‹«
(Sheff: Tweak, S. 24)
»I’m sweating and shivering and I smell so bad. I take a shower, but the sour smell won’t leave me. My skin is gray, scaly, broken out. My body is eating itself.«
(Sheff: Tweak, S. 119)
»For myself, I’ve come to discover that holding on to secrets will kill me. If I don’t get honest about my life, I cannot have recovery.«
(Sheff: Tweak, S. 413)

Sheff_TweakAnfang diesen Jahres war ich mit zwei Kolleginnen im Kino. Ein neuer Film mit Timothée Chalamet war angelaufen und da mich der junge Schauspieler in Call Me By Your Name von seiner Leistung begeistert hatte, musste ich den neuen Film natürlich unbedingt sehen. Beautiful Boy basiert auf den autobiographischen Erzählungen Beautiful Boy von David Sheff und Tweak von Nic Sheff und gibt die schwierige, aber hoffnungsvolle Geschichte über Nics Drogenabhängigkeit und die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn wider.

Ich wollte wissen, wie Nic Sheff seine Erfahrungen in Worte gefasst hat und habe mir sein Memoir Tweak gekauft. Sheffs Sprache ist rau und ehrlich; der Autor packt die Leser*innen gleich von der ersten Seite und nimmt sie mit auf eine wilde Achterbahnfahrt, von einem Rausch zum nächsten. Doch was, wenn der Rausch nachlässt?

In Rückblenden gibt Nic Sheff Einblicke in seine Kindheit und Jugend: Er wächst in San Francisco und LA auf, seine Eltern lassen sich scheiden, als er fünf Jahre alt ist. Sein Vater nimmt den Sohn mit ins Kino, ins Theater, auf Partys. Mit Karen, der neuen Frau von David Sheff, ändert sich auch Nics Leben. Er wird der große Bruder von Daisy und Jasper. Doch Nic fühlt sich schon immer fehl am Platz. Er ist intelligent, kreativ und eigentlich ein fröhliches Kind. Und trotzdem empfindet er eine Hoffnungslosigkeit, der er nicht Herr werden kann: »Nothing about me ever seemed good enough. And there was this sadness inside me – this hopelessness.« (S. 48). Mit elf Jahren ist Nic das erste Mal betrunken. Diese Erfahrung ist für ihn so schlimm, dass er zunächst keinen Alkohol mehr anrührt. Dafür raucht er Marihuana, später nimmt er Kokain und Ecstasy, dann auch Crystal Meth. Bald schicken ihn seine Eltern in erste Entzugskuren, Rückfälle folgen. Die Drogen geben ihm den Halt, den er nüchtern nicht findet, um mit sich und seiner Umwelt umgehen zu können: »I always thought once I was an adult, independent, whatever, these feelings of hopelessness and despair would go away.« (S. 82).

Die Rückblicke sind eingestreut in die eigentliche Handlung. Diese beginnt mit einem Rückfall. Nic ist eigentlich seit 18 Monaten clean und trotzdem ist er stoned von Medikamenten, die er in seiner Entzugsklinik in LA hat mitgehen lassen. In San Francisco trifft er zufällig auf Lauren, die er in der Highschool flüchtig gedatet hat und die ebenfalls schon einige Entzüge hinter sich hat. Ab hier steigt Nic erneut in die Drogenwelt von San Francisco ab. Er lebt in seinem Auto oder bei Lauren und versucht sich mit seinem Dealer Gack im Drogengeschäft. Schnell geht Lauren und ihm das Geld aus, zudem nehmen sie mehr Drogen als sie verkaufen. Teilweise sind die drei ganze Tage lang wach, Nic und Gack fahren Stunden durch die Stadt, um Abnehmer für ihr gestrecktes Meth zu finden, und benötigen selbst alle paar Stunden eine neue Dosis. Nachdem Lauren beinahe an einer Überdosis stirbt und Nic merkt, dass er physisch bald am Ende ist, ruft er Spencer an.

Im 12-Schritte-Programm, das ursprünglich von den Gründern der Anonymen Alkoholiker ins Leben gerufen wurde und mittlerweile von zahlreichen Selbsthilfegruppen für Suchtkranke angewendet wird, wird jedem Neuling ein »sponsor« zur Seite gestellt, der ihm durch das Programm helfen und ihm beim Entzug und im Leben beistehen soll. Gleichzeitig ist die Arbeit des Sponsors Hilfe an sich selbst und somit Teil des 12-Schritte-Programms. Spencer ist ein solcher Sponsor für Nic. Er holt ihn nach seinem Anruf am Flughafen in LA ab, bringt ihn in sein Apartment und kümmert sich um ihn. Er steht ihm bei während der Entgiftung, er sorgt dafür, dass Nic wieder mit dem Radsport beginnt und täglich zu den Treffen der Selbsthilfegruppen geht. Nic erarbeitet sich das nüchterne Leben hart, bekommt einen Aushilfsjob in einem Friseursalon, schreibt gelegentlich Filmbesprechungen, hält sporadisch Kontakt zu seinen Eltern – und hält sich an die 12 Schritte, ans Beten, an Spencer. Die Dunkelheit in ihm bleibt.

Als Leser*in fiebert man mit, freut sich über jeden neuen Tag, den er geschafft hat und möchte ihn schütteln oder ihm gut zureden, wenn er schreibt: »Every time I’ve come out of detox, the last thing I ever want to do is get high. This time is no different. But the thing is, as the months go by, I always seem to forget why I needed to get sober in the first place. The bad shit starts to not seem really that bad. I start blaming other people, thinking they’re all just overreacting and whatever. I tell myself that I wasn’t really that out of control.« (S. 186) oder »It’s been a hard week. I ride my bike, go to work, go to a meeting, then go to sleep. Every day it’s the same thing. I am lonely and bored. I miss the excitement of my life using. I know how terrible things got and all, but still, there is a part of me that just wants to go back to that.« (S. 195) Der Suchtdruck macht ihm zu schaffen, ebenso seine Einsamkeit – seine Verzweiflung ist auf jeder Seite spürbar.

Als Spencer schwer krank ins Krankenhaus eingeliefert wird, hilft Nic seiner Familie und fühlt sich aufgewertet, weil ihm Verantwortung zugesprochen wird. Doch er sieht auch, wie Suchtkrankheiten ein Leben lang bestehen: Spencer, seit über einem Jahrzehnt clean, benötigt zur Genesung starke Schmerzmittel und nach seiner Entlassung sorgt er dafür, dass seine Frau ihm die Medikamente dosiert, damit er nicht in Versuchung gerät. Für Nic ist Spencer ein großes Vorbild, er träumt davon, irgendwann einmal das Leben führen zu können, das sein Freund lebt. »›Being sober isn’t just about not using. Being sober is about the joy a life of clarity and living by spiritual principles can bring. There is nothing greater than that […] It is ecstatic far beyond a drug like Ecstasy, or this fucking morphine. It is possible to know peace. It is possible to watch all your dreams come to fruition.«, verspricht ihm Spencer (S. 224f.).

Doch Nic kämpft, so dankbar er für Spencers Anleitung ist, mit dessen Weltanschauung und mit sich selbst. Er fühlt sich weiterhin isoliert, beneidet seine Geschwister um die beschützte Kindheit, die er selbst so nicht erfahren durfte. Nach einem Urlaub mit seinem Vater und dessen Familie passiert, wovor alle Angst hatten: Er wird rückfällig.

An dieser Stelle möchte man das Buch weglegen, gegen die Wand schleudern oder die Geliebte, die ihm die Drogen anbietet, ohrfeigen – und ihn gleich mit. Doch für ihn zählt nur Zelda, die 14 Jahre ältere Ex-Frau eines bekannten Schauspielers, in die er schon lange sehr verliebt ist. Nun endlich ist sie frei und lässt sich auf ihn ein. Nic blendet alle Kritik aus: »Nothing is more important than that. I would die for her. I would rather die than be away from her.« (S. 302) – und lebt wieder von Rausch zu Rausch, gemeinsam mit Zelda, getrieben von dem quälenden Gefühl, dass er ihr nicht genug sein kann und ohne sie nichts wert ist.

Schließlich – in der Garage seiner Mutter – wird er vor die Wahl gestellt: Verhaftung durch die Polizei oder Entzug und anschließende Therapie. Er willigt in letzteres ein, hofft, nach dem Entzug zu Zelda zurückkehren zu können. Doch seine Eltern haben andere Pläne. Sie finden ein Therapiezentrum in Arizona, weg von San Francisco und LA, weg von Zelda. Widerwillig lässt er sich auf die ungewöhnlichen Therapieansätze ein – und findet endlich Antworten auf seine Fragen und seine Hoffnungslosigkeit: »I never really thought about the fact that I’d have to learn how to really care about myself in order to stay sober. I always thought it was more about learning to care about other people.« (S. 389). In angeleiteter Gruppen- und Einzeltherapie, in Sitzungen zur somatischen Traumabewältigung und in Kunststunden lernt er seinen Selbsthass kennen und schafft Grundlagen, sich so annehmen zu können wie er ist: »[…] I am so grateful to actually be connected with what’s going on with me. Annie says it’s the first step: dropping in – feeling my feelings – owning my past. I’m really just in it – acknowledging the pain and hurt I’ve caused to people who love me – to people I love.« (S. 395)

Nic Sheff ist ein fesselndes Memoir gelungen, das schonungslos Einblick in sein Leben als Suchtkrankem gibt. Als Leser*in ist man seinen Gedanken, seinen Gefühlsschwankungen und dem Kreislauf, in den man durch eine Abhängigkeit gerät, schutzlos ausgeliefert. Während der Lektüre habe ich geweint, gewütet – und immer gehofft.

Der Film weicht vage von der Handlung des Buches ab, greift jedoch die wichtigsten beautiful-boy-2Stationen auf und legt einen Schwerpunkt auf die Erfahrungen des Vaters. Steve Carell als David Sheff und Timothée Chalamet als Nic erwecken eine intensive Vater-Sohn-Beziehung zum Leben, die unter der Drogensucht leidet und trotzdem nicht erlischt. Kritisch könnte man anmerken, wie farbenfroh Nics Rauscherfahrungen in Szene gesetzt wurden oder wie romantisch die landschaftliche Kulisse für dieses Drama wirkt. Gleichzeitig heben vielleicht gerade die schönen Landschaftssettings hervor, wie lebendig das Leben auch nüchtern sein kann, welche Schönheit wir in der Natur und im Frieden mit uns selbst finden können.

Nic und David Sheff setzen sich seit der Veröffentlichung ihrer ersten Bücher in 2008 aktiv für Prävention und Aufklärung im Umgang mit Drogen ein, soeben erschien ihr gemeinsames Buch High. Everything You Want to Know About Drugs, Alcohol, and Addiction.

Nic Sheff: Tweak. (Growing up on Metamphetamines). Scribner UK, ein Imprint von Simon & Schuster UK Ltd., London 2018, Taschenbuch, 464 S.

Beautiful Boy, USA 2018, 121 Min., Drama. Regie: Felix van Groeningen, Drehbuch: Luke Davies, Felix van Groeningen. Darsteller: Steve Carell, Timothée Chalamet, Maura Tierney, Amy Ryan u.a. Zum Trailer.

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