Anna Burns: Milchmann

»Wenn keine körperliche Gewalt ausgeübt und man nicht direkt verbal beleidigt worden war und keiner in der Nähe blöd guckte, dann war auch nichts passiert. Wie also konnte man Opfer von etwas sein, das es gar nicht gab?«
(Burns: Milchmann, S. 13)
»Wieder war alles nur Andeutung, er fuhr weiter auf dieser freundlichen, zuvorkommenden Schiene, auf der er mir Gefallen tat, mir half, wenn er mir das Gehen wegnahm, mir das Joggen wegnahm, mir Vielleicht-Freund wegnahm. Ich konnte keine offensichtlichen Grenzen erkennen, die er überschritt, vielleicht irrte ich mich daher auch wieder und er überschritt überhaupt keine Grenzen.«
(Burns: Milchmann, S. 176)

 

2313_02_SU_Burns_Milchmann.indd»[…] das Buch und du, ihr seid wie füreinander gemacht«, schrieb mir die Freundin, als ich sie fragte, ob sie mir das Buch empfehlen könne. Und was soll ich sagen? Sie hatte recht.

In einer Zeit, in der die Menschen so wenig wie möglich auffallen wollen, zieht Mittelschwester unfreiwillig die Aufmerksamkeit eines ranghohen Verweigerers auf sich. Plötzlich reden alle über sie, unterstellen ihr Dinge, die gar nicht passiert sind. Milchmann, so wird der Mann genannt, tut ihr nichts und doch fühlt sich die junge Frau unwohl und bedroht durch seine Annäherungen.

Anna Burns situiert die Geschichte dieser jungen Frau in einer Zeit, in der Frauen wenig zu sagen haben, jung heiraten und erst recht keine Widerworte gegenüber Männern äußern. Es ist eine konfliktreiche Zeit zwischen zwei Stadtteilen, zwischen zwei Nationen, zwischen zwei Religionen. Es ist eine Zeit, in der politische Gewalt und Todesfälle die Norm sind, in der die Menschen überwacht werden und in der die Zugehörigkeiten klar definiert sind: entweder man ist Teil »unserer Gemeinschaft«, wodurch eine gewisse Nähe zu den Verweigerern vorausgesetzt wird,oder man definiert sich mit dem »Land auf der anderen Seite der See« (S. 36) und gilt als Denunziant. Kritische Stimmen werden argwöhnisch beobachtet: Menschen, die nicht der unauffälligen Norm entsprechen, werden als verrückt abgestempelt.

In dieser Welt, in der niemand auffallen möchte, fällt Mittelschwester also auf. Sie ist gerade 18 Jahre alt, besucht einen Französischkurs und ist die mittlere Schwester einer Großfamilie. Der Vater ist verstorben, ebenso einer der vier Brüder. Älteste Schwester und Schwester Drei sind verheiratet (mit äußerst unterschiedlichen Männern), Schwester Zwei und Bruder Vier sind verbannt bzw. verschwunden. Gemeinsam mit ihrer streng gläubigen Mutter und den drei Jüngeren Schwestern lebt die Protagonistin in einer Gegend, in der die Leute sich ihre Meinung vor allem dadurch bilden, indem sie Gerüchten Glauben schenken. Eine vorübergehende Pause von diesem bedrückenden Alltag verschafft sich Mittelschwester durch zwei Dinge: das Lesen im Gehen und ihre Vielleicht-Beziehung mit Vielleicht-Freund außerhalb ihrer Gemeinschaft.

Doch ihr gewohntes Leben wird plötzlich bedroht, als sie die Aufmerksamkeit von Milchmann auf sich zieht. Der wesentlich ältere Mann, von dem alle sagen, er bewege sich in den höchsten Rängen der Verweigerer, spricht sie eines Tages auf ihrem Heimweg an. Unverfänglich, vage, aber doch so, dass sie die Begegnung als unangenehm empfindet. Schwager Eins bekommt dies zufällig mit, berichtet seiner Frau davon und hetzt sie gegen ihre jünger Schwester auf, er bringt das Gerücht in die Welt, Mittelschwester habe eine Affäre mit dem Verweigerer Milchmann. (Schwager Eins ist, nebenbei bemerkt, ein richtig unangenehmer, anzüglicher Zeitgenosse, der den Eindruck erweckt, ebenfalls seine Grenzen nicht zu kennen.) Zunächst wehrt sich die Protagonistin nicht dagegen – das ist ihre Strategie: stoisch knappe Antworten, möglichst keine Informationen preisgeben, sich in ihre Bücher zurückziehen. Mit der Zeit isoliert sie sich und reagiert auch körperlich auf die Situation mit Zittern, Schlafstörungen und Schmerzen in den Beinen. Doch die Leute machen weiter mit dem Gerede, dichten ihr neue Treffen mit dem Milchmann an, setzen sie unter Druck.

Allen voran ihre Mutter, die ihr nahelegt, einen guten, tüchtigen jungen Mann zu heiraten, denn eine Romanze mit einem Verweigerer erscheine zwar aufregend, biete auf Dauer aber keine Sicherheit. Einmal öffnet sich die Tochter ihr gegenüber und erzählt ihr, was wirklich vorgefallen ist – oder eben nicht vorgefallen ist –, doch die Mutter hat sich längst ihre Meinung gebildet: »Ma hatte mich die ganze Zeit angesehen, doch als ich fertig war, bezeichnete sie mich ohne Umschweife als Lügnerin und sagte, mit dieser Lüge wolle ich sie nur weiter verhöhnen. Dann sprach sie von weiteren Begegnungen zwischen mir und dem Milchmann, anderen als den beiden, die ich zugegeben hatte. Die Gemeinschaft halte sie auf dem Laufenden […].« (S. 73) Auch ihrer Älteste Freundin und Vielleicht-Freund versucht sie sich, in Zeiten der Bedrängnis mitzuteilen, doch vergeblich. Statt ihr Hilfe anzubieten, nähren sie ihr Unwohlsein mit weiteren Details ihrer angeblichen Beziehung zu Milchmann und kritisieren darüber hinaus ihre Angewohnheit, im Gehen zu lesen – das sei nun wirklich nicht normal, man rede über sie.

Bei all den Spannungen, Andeutungen und Verwirrungen erwartet man ein explosionsartiges Ende, doch das Gegenteil ist der Fall. Es passiert noch einiges auf diesen etwa 450 Seiten, es ist von Feminismus die Rede, ohne ihn als solchen wirklich zu benennen, Vielleicht-Freund gerät unter Beobachtung, weil er ein fraglwürdiges Autoteil gewonnen hat, die Geschichten vieler Menschen aus der Gemeinschaft werden erzählt: die der Geschwister, des echten Milchmanns, die von Atombombenjunge, von Tablettenmädchen und ihrer Schwester… Und dann ist Milchmann ebenso schnell verschwunden wie er aufgetaucht war und man verlässt das Buch mit gemischten Gefühlen der Erleichterung und des Unwohlseins.

Anna Burns greift zahlreiche Themen in ihrem Roman auf, für den sie 2018 den Man Booker Prize erhalten hat. Neben dem vordergründigen Thema der psychischen Gewalt und des Sexismus, die die Protagonistin nicht in Worte fassen kann, geht es im Buch auch um die Frage, wie Heranwachsende sich in einer solchen restriktiven und brutalen Gesellschaft zu mündigen und verantwortungsbewussten Menschen entwickeln sollen. Es geht um eine junge Frau, die sich selbst in ihrer Familie nicht aufgehoben fühlt und die nach ihrem Weg sucht, ohne sich in dieser Welt wirklich auszukennen.

Die Autorin verwendet dabei eine Sprache, zu der ich immer wieder gerne zurückgekehrt bin: originell, irgendwie schräg und durchaus auch ein bisschen verschachtelt oder sogar ›umständlich‹ – gerade dadurch werden der einzigartige Humor und die absurden Situationen erst deutlich. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, mit dieser Frau im Gespräch über ihr Leben zu sein: mit all den Abschweifungen und rückblickenden Erkenntnissen, aber auch mit Lachen und ungläubigem Kopfschütteln und Wut. Ein Roman, der die Lesenden in eine nicht allzu ferne Welt mitnimmt, sie in ein Unwohlsein stürzt, in Ärger über all die Erwachsenen, die nicht richtig hinsehen und sich in der immergleichen Schiene bewegen, und sie dann wieder mit einem Gefühl der Betroffenheit entlässt. Großartige Lektüre!

Anna Burns: Milchmann. Tropen, Stuttgart 2020, Hardcover, 452 S.

 

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