Ohne Kitsch und einfach echt: Den Mund voll ungesagter Dinge

»Und mal im Ernst: Was ist schon groß passiert? Ich meine, es war nur ein flüchtiger und total bedeutungsloser Kuss. Aufgezwungen durch Wahrheit-oder-Pflicht, gefolgt von ein paar verstörenden Träumen, von denen ich so tue, als hätte ich sie nie gehabt.«
(Anne Freytag: Den Mund voll ungesagter Dinge, S. 216)
»Und ich gebe es ja nur sehr ungern zu, weil es so traurig und langweilig ist, aber irgendwie ist normal zu sein auch beruhigend. Weil man kein einzelner Fisch, sondern Teil eines riesigen Schwarms ist. Weil man Deckung und Schutz in der Masse findet. Weil man weiß, dass man nicht allein ist.»
(Anne Freytag: Den Mund voll ungesagter Dinge, S. 244)

Den Mund voll ungesagter Dinge von Anne FreytagEs gibt Bücher, die fangen ganz banal an und packen dann zu und lassen dich nicht mehr los. Genau so eines ist der neue Roman von Anne Freytag, der heute erscheint. Den Mund voll ungesagter Dinge ist ein All-age-Roman, aber diese Bezeichnung greift viel zu kurz. Oder um es mit Sophies Worten auszudrücken: »… ich bin nicht nur eine Sache. Ich bin tausend Sachen.« (S. 394)

Dieser Roman ist eine Freundschafts- und eine Liebesgeschichte. Ein Familiendrama mit Happy End. Ein intermedialer Adoleszenzroman. Er hat einen eigenen, großartigen Soundtrack (wirklich, auf der U3 werden alle im Buch genannten Titel aufgelistet, darunter so grandiose Songs wie I want you to want me von Gary Jules oder Triangle von Maxence Cyrin) – den letzten Buch-Soundtrack, den ich mir nach der Lektüre angehört habe und immer noch liebe, war der von Wie viel Leben passt in eine Tüte? Er hat eine Autorin, die sich am Ende bei ihren Protagonistinnen bedankt (was sie in meinen Augen unglaublich liebenswert macht und sicher mit ein Grund dafür ist, dass die Geschichte so wirkt)! Es ist ein liebevoll gestaltetes Buch, in dem die Illustrationen auf den Text verweisen und umgekehrt.

Sophie ist bei ihrem Vater in Hamburg aufgewachsen, nachdem ihre Mutter die beiden nach der Geburt verlassen hat. Sie hasst und vermisst sie zugleich. Einige Monate vor dem Abitur ziehen Sophie und ihr Vater Christian zu dessen Freundin Lena und ihren zwei Söhnen Leon (8) und Valentin (10), von Hamburg nach München. Sophie hat darauf überhaupt keinen Bock. Erst recht nicht, da sie nichts mitnehmen kann, weil ihr Vater alles an Möbeln und Besitz verkauft hat, um kein Gepäck zu haben und mit dem Neustart einen klaren Schnitt zu machen. Sophie will sich eigentlich für ihn freuen, gleichzeitig aber nicht ihr altes Leben aufgeben. Dass Lena tatsächlich eine nette Frau ist, die sich offenbar nicht nur bei ihr einschleimen will, macht die Sache zunächst nicht einfacher.

Zugegebenermaßen war Sophies Leben in Hamburg in den letzten Monaten auch nicht so viel besser als es sich nun in München angeht: Ihr bester Freund Lukas ist zu seiner Freundin nach Paris gezogen. In der engen Beziehung zu Lukas war es bisher auch egal, dass sie eigentlich keine Freunde hatte. Ab und an hat sie mit Jungs geschlafen, aber eher, weil sie sich vorher ausgemalt hat, wie schön es sein würde – in Wirklichkeit war es dann doch ganz anders. Die Leere, die sie spürt, ist immer da.

In ihrem neuen Zuhause freundet sie sich zunächst mit dem Mischlingshund Carlo an, der sie als einziger in der Familie zu verstehen und zu bemerken scheint. Auch mit ihren »Nicht-Brüdern« kommt sie gut klar, die Kinder haben sich offensichtlich auf sie gefreut und sie merkt bald, dass sie nicht die einzige ist, für die sich das Leben geändert hat. Während Lena sich ihr aufrichtig annähern will, wirkt ihr Vater plötzlich wie jemand völlig Fremdes.

Dann lernt sie das Nachbarsmädchen Alex kennen. Sie scheint das komplette Gegenteil von Sophie zu sein: strahlend, immer gut gelaunt, leicht. Zusammen mit ihrem Freund Clemens und dessen Kumpel Nik geht sie auf dieselbe Schule wie Sophie. Die ist irgendwie angetan von Alex und merkt dabei, dass sie gar nicht weiß, wie man jemanden kennenlernt. Spätestens auf einer Party verändert sich die Freundschaft der beiden Mädchen jedoch durch einen Kuss beim Flaschendrehen. Sophie erlebt eine Zeit der Unsicherheit, in der sie sich nicht einmal Lukas anvertrauen kann, und erfährt schließlich mit Alex, wie es ist, richtig verliebt zu sein – mit allen Höhen und Tiefen. Und mit allen Ängsten, die damit verbunden sind, wenn die Liebe geheim bleiben muss und sich an das gleiche Geschlecht richtet.

Anne Freytag erzählt die Geschichte von Sophie und Alex aus Sophies Perspektive, in einer Sprache, die ich in Ermangelung eines passenden Ausdrucks einfach als echt und aktuell bezeichnen möchte. Es ist eine natürliche Sprache, die sofort den richtigen Ton trifft, ohne viel Schnörkelei oder Kitsch, aber mit Zartheit und Klarheit, die die Lektüre so leicht und anziehend macht. Die Autorin gebraucht keine groben Wörter, wenn ihre Figuren über Sex sprechen. Im Gegenteil: Es wird offen angesprochen, warum es irgendwie unangenehm ist, über Sex zu sprechen (weil es irgendwie keine schönen Worte für die Geschlechtsorgane gibt), und dass sich beim Sex offenbar alles nur um den Penis und die Penetration dreht. Gerade diese Offenheit – und auch die lockere Art, wie darüber gesprochen wird – ist erfrischend und verleiht dem Buch Authentizität.

Besonders überzeugt hat mich dieser Roman auch wegen seiner Aktualität. Es ist kein Roman, in dem die Figuren keine Handys haben oder irgendwie in einer Blase außerhalb von Zeit und Raum leben. Es sind Figuren im Hier und Jetzt, mit Ecken und Kanten, mit ihren ganz eigenen komplizierten Geschichten, die hier aufeinandertreffen: Jede Figur, die mehr als zwei Sätze sagt, bringt ihre Vergangenheit und ihre Persönlichkeit mit in diesen Roman. Die Art der Kommunikation (per Skype, WhatsApp bzw. Handy) spiegelt sich im Satz des Textes: WhatsApp-Nachrichten werden beispielsweise entsprechend grafisch dargestellt. Die Autorin schafft Bezüge zu Literatur (The Catcher in the Rhye wird sehr wichtig für Sophie), Film (Harry Potter, Blau ist eine warme Farbe) und Musik (siehe Playlist). Im Gegensatz zu anderen Jugendromanen, die ich bisher gelesen habe und die ähnlich intermedial waren, finden sich in Den Mund voll ungesagter Dinge vor allem Referenzobjekte, die die (Jugend-)Kultur ab den 1990ern geprägt haben. Vermutlich erscheint der Roman auch deshalb so aktuell und echt, weil er eine Lebenswelt widerspiegelt, in der die Lesenden (im Sinne der Zielgruppe, also Jugendliche und junge Erwachsene) selbst aufgewachsen sind.

Eine Szene – von den vielen liebgewonnenen -, die mich ganz besonders amüsiert hat und unterstreicht, warum dieser Roman so wunderbar ist, ist ein Gespräch zwischen Sophie und Alex über die Charaktere in Jugendbüchern und darüber, ob sie selbst Protagonistinnen sein könnten – ein Gespräch, das die Grenzen verwischt, dem Lesenden die Fiktion vor Augen hält, damit spielt (sowas liebe ich ja). Sophie sagt dabei, sie entspreche nicht »dem Typ«, denn sie sei »zu launisch«, »zu negativ« und »habe zu viel Sex« (S. 294). Daraufhin antwortet Alex:

»»Die meisten Leute in unserem Alter sind launisch, negativ und haben zu viel Sex«, sagt Alex. »Aber ist es nicht genau das, was eine gute Geschichte ausmacht?«
»Was?«, frage ich lachend. »Zu viel Sex?«
»Nein, Figuren, die so echt sind, dass sie einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Mit echten Problemen und echten Abgründen.««
(Anne Freytag: Den Mund voll ungesagter Dinge, S. 294)

Und worum geht es jetzt eigentlich?

Um noch so viel mehr, was hier keinen Platz finden konnte. Ums Erwachsenwerden. Um Entscheidungen und ihre Konsequenzen. Ums Leben. Und darum, dass einen Menschen viele Dinge ausmachen. Darum, dass jede/r die Möglichkeit haben sollte, er/sie selbst zu sein und sein/ihr persönliches Glück zu finden.

»William Leal hat es ganz gut auf den Punkt gebracht, als er geschrieben hat: It’s all messy. The hair. The bed. The words. The heart. Life.«
(Anne Freytag: Den Mund voll ungesagter Dinge, S. 320, Hervorhebung im Original)

Anne Freytag: Den Mund voll ungesagter Dinge, Heyne fliegt, München 2017, Klappenbroschur, 400 S., ab 14 Jahren.

2 Gedanken zu “Ohne Kitsch und einfach echt: Den Mund voll ungesagter Dinge

  1. Hey!
    Eine wirklich sehr schöne Rezension, super ausführlich aber verrät nicht zu viel 🙂
    Bin in der Buchhandlung oft an dem Buch vorbeigeschlichen, der Klappentext konnte mich aber irgendwie nicht überzeugen. Deine Rezension hingegen schon!

    Liebste Grüße,
    Celine

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    1. Liebe Celine,
      vielen Dank für das Lob!
      Das Buch gehört für mich definitiv zu den literarischen Schätzen, auf die man selten stößt. Schön, dass es jetzt vielleicht eine weitere Leserin gefunden hat 🙂

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