Vom großen Bruder, der auszog und verschwand

»Er war unter Trust-Fund-Kids aufgewachsen – von denen er viele immer noch kannte – und hatte gesehen, was zu viel Geld in jungen Jahren anrichten kann: Es führte zu Trägheit und Gleichgültigkeit, einer rastlosen Unzufriedenheit. Der Fonds, den er anlegte, war als kleines Zubrot gedacht, etwas, das zu ihren eigenen zwangsläufigen Einkünften hinzukam – immerhin waren sie seine Kinder –, ihnen die Rente aufbesserte und vielleicht das eine oder andere Schulgeld finanzierte. Nichts wirklich Bedeutendes.«
(d’Aprix Sweeney: Das Nest, S. 47)

d'Aprix Sweeney_Das NestWoran denken wir, wenn wir das Wort »Nest« hören? An ein Vogelnest? Ein ein trautes Heim? Die Geschwister Bea, Jack und Melody Plumb denken bei dem Begriff »Nest« an das kleine Vermögen, das ihr Vater in Kindertagen für sie angelegt hat und das ihre Mutter anbricht, nachdem ihr ältester Sohn Leo einen Unfall mit unangenehmen Folgen erlitten hat.

Nach seinem Drogenentzug geht es nun darum, dem Ältesten klarzumachen, dass er damit nicht ungeschoren davonkommen kann: Die jüngeren Geschwister wollen von ihm ausbezahlt werden. Leo erbittet sich drei Monate Zeit, in denen er sich einen Rückzahlungsplan überlegen will. Was Bea, Jack und Melody nicht ahnen: Leo hat nicht die geringste Absicht, ihrem Wunsch nachzukommen.

D’Aprix Sweeney entfaltet in ihrem Roman Das Nest über den Zeitraum von diesen drei Monaten eine wundervolle Familiengeschichte: Mit feinem Sprachwitz und Wärme taucht sie in die Leben der einzelnen, sich fremd gewordenen Geschwister ein. Da ist Bea, die Schriftstellerin, die seit Jahren kein neues Buch mehr herausgebracht hat und den Tod ihres Liebhabers noch nicht vollständig verwunden hat. Jack, der schon in der Schule als die mit weniger gutem Aussehen und Glück gesegnete Ausgabe seines Bruders Leo galt, nimmt hinter dem Rücken seines heimlich angetrauten Manns Walker regelmäßig Kredite auf ihr gemeinsames Sommerhaus auf, um u.a. seinen Antiquitätenladen aufrechtzuerhalten. Melody, die Jüngste, verheiratet und Mutter von Zwillingstöchtern, die sie über eine App stalkt, wünscht sich nichts mehr als ein sicheres Zuhause und eine viel versprechende Zukunft ihrer Töchter an den besten Privatschulen der Stadt. Alle drei haben sie sich die vergangenen Jahre darauf verlassen, dass ihre bis dahin getätigten Ausgaben durch das »Nest« ausgeglichen werden können: »Wenn das Nest da ist, kommt der Weltfrieden! Wenn das Nest da ist, werden die Lahmen laufen und die Blinden sehen!« (S. 123).

Während sich die Geschwister in der Zeit des Wartens auf Leos Plan wieder näherkommen, schlägt Leo bei seiner früheren Freundin Stephanie auf. Bei ihr fühlt er sich geborgen und könnte sich in schwachen Momenten vorstellen, mit ihr noch einmal von vorne anzufangen. Der Unfall, die daraus resultierende Scheidung und die Abfindung sowohl an seine Ex-Frau Victoria als auch an Matilda, ein One-Night-Stand, den der Unfall fast das Leben gekostet hätte, haben seine Stimmung ziemlich gedämpft. Er muss feststellen, dass er in den vergangenen Jahren zwar ein beachtliches Vermögen angesammelt und durch Victorias Investitionen wieder verloren hatte, dass er allerdings auch jegliche Kontakte aus seinen erfolgreichen Karrierezeiten verwirkt hat. Als die Deadline und das Treffen mit seinen Geschwistern näherrücken, zieht Leo die für ihn einzige logische Konsequenz: Er verschwindet.

Wie nebenbei verknüpft die Autorin die Geschichte der vier Geschwister mit weiteren Figuren, in deren Leben die Lesenden Einblick erhalten: Verbringen die Zwillingstöchter wirklich ihre Nachmittage in der Nachhilfeschule? Warum geht der einarmige Vinnie Matilda wegen ihrer Prothese auf die Nerven? Und was hat es mit der beschädigten Rodin-Skulptur in Tommys Wohnung auf sich?

Schon der erste Satz (und damit der erste Absatz) des Buches hat mir ein amüsiertes Lächeln auf die Lippen gezaubert. Selten verspüre ich so ein freudiges Vergnügen bei der Lektüre eines Buches, das sich nicht nur aus dem Plot, sondern aus der Sprache, dem Humor und ja, auch aus der Tragik der Geschichte speist. Das Nest ist der Debütroman von d’Aprix Sweeney und hervorragende Lektüre für alle Sinne!

Cynthia d’Aprix Sweeney: Das Nest, aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner, Klett-Cotta, Stuttgart 42016, Hardcover, 410 S.

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